Redebeitrag
zur Gedenkkundgebung an den Widerstand der Lechleitergruppe
im Nationalsozialismus
15. September
2005
Verehrte
Anwesende, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Genossinnen
und Genossen!
Wir haben uns heute hier versammelt, um Georg Lechleiter
und seiner Mitstreiterinnen und Mitstreiter zu gedenken.
Für junge Antifaschistinnen und Antifaschisten
wie uns, ist das Beispiel ihres Kampfes gegen den
alltäglichen Terror des Nationalsozialismus leuchtendes
Vorbild.
So schwer für uns die Gefahren vorstellbar sind,
die sie auf sich nahmen, so sehr beeindruckt uns ihr
Mut und die Konsequenz, mit der sie ihren Überzeugungen
folgten.
In den
letzten Jahren sind Oberst Graf von Stauffenberg und
seine Mitverschwörer im Rahmen des herrschenden
Geschichtsdiskurses zu den zentralen Identifikationsfiguren
des Widerstandes gegen den Deutschen Faschismus aufgebaut
worden.
Ihr viel gerühmter Bombenanschlag vom 20. Juli
1944 ist einer der zentralen positiven Bezüge
im Selbst- und Geschichtsbild der so genannten "Berliner
Republik" geworden.
Dass es sich bei den Attentätern um eine elitäre
Offiziersclique handelte, deren Mitglieder in der
Mehrzahl überzeugte Nationalsozialisten, Antisemiten
und Rassisten waren,
dass ihnen für die Zeit nach dem Nationalsozialismus
keineswegs eine befreite Gesellschaft oder auch nur
eine bürgerliche Demokratie vorschwebte, sondern
ein modifizierter Nationalsozialismus, wird dabei
gern verschwiegen.
Uns kommt
das kalte Grausen, wenn wir sehen wie wenig Aufmerksamkeit
im Vergleich dazu solchen Widerstandskämpfern
wie denen der Lechleiter-Gruppe zukommt.
Sie sind es, denen in unseren Augen ohne Zweifel die
Vorbildrolle zukommen sollte.
Es waren in der Mehrzahl Kommunisten und Sozialdemokraten,
wie die Mitglieder der Lechleiter-Gruppe, die dem
Terror der Nazis entschlossenen und aktiven Widerstand
entgegensetzten.
Sie begannen, im Gegensatz zur erzreaktionären
Stauffenberg-Clique, nicht erst dann und deshalb zu
opponieren, als und weil sich die militärische
Niederlage abzuzeichnen begann.
Der Umsturz
war in den Augen der Lechleiter-Gruppe nicht deshalb
nötig, weil die Führungsriege des nationalsozialistischen
Deutschlands militärstrategische Fehler machte,
sondern weil sie im Nationalsozialismus das erkannten,
was er war:
Eine durch und durch menschenverachtende Gesellschaftsordnung.
Ihre Perspektive
als Kommunistinnen und Kommunisten war schon in der
Zeit der Weimarer Republik auf eine fundamentale gesellschaftliche
Umwälzung hin zu einer befreiten Gesellschaft
gerichtet.
Deshalb war es für sie, im Gegensatz zu den meisten
anderen Deutschen, denk- und machbar aktiven Widerstand
zu leisten.
Genau deshalb aber, gehen sie im aktuellen Geschichtsdiskurs
der „Berliner Republik“ so dreist, so
unverhältnismäßig, so unverschämt,
so beleidigend unter.
Wenn in
Deutschland nach 1945 über den Nationalsozialismus
geredet wurde, so ging es in der Hauptsache um eines:
Es musste eine Lesart des Unbegreiflichen, das vollbracht
worden war, gefunden werden, die es erlaubte weiterzumachen.
Weiterzumachen mit dem, was nach unserer Auffassung
niemals hätte weitergehen dürfen:
Das Projekt Deutsche Nation.
Weil der Nationalsozialismus kein Unfall und auch
kein Zufall war, müssen all diejenigen, die das
politische Projekt Deutsche Nation retten wollen,
das Mitmachen und das Wegschauen fast aller Deutschen
rechtfertigen.
Die
Stauffenberg-Clique kommt da gerade recht. Das Bild
das von Stauffenberg vermittelt wird, ist ein Symbol.
Er soll stellvertretend für alle Deutschen stehen,
den Durchschnittsdeutschen symbolisieren. In gutem
Glauben schuldlos verstrickt gelangt er zu spät
zur Einsicht in den verbrecherischen Charakter des
Systems, um das Ruder noch herumzureißen zu
können. Doch immerhin: Er gibt sein bestes. Letzten
Endes wird er selbst zum Opfer.
Da lügt sich eine Nation ganz offensichtlich
schamlos ihre verbrecherische Vergangenheit zu Recht.
Statt Angriffskrieg und Holocaust sei einfach alles
ein einziges großes Unglück gewesen, heißt
es da.
Das Erinnern an Widerstandsgruppen wie die um Georg
Lechleiter dagegen fordert die Auseinandersetzung
mit den Teilen der Vergangenheit, die auch für
das Tagesgeschäft der Nation schnell unbequem
werden.
Dass die
meisten, die aktiv dagegen hielten, eben keine „ordentlichen
Deutschen“ waren, sondern Kommunisten, die von
eben diesen „ordentlichen Deutschen“ gehasst
wurden.
Dass von Anfang an für jeden wachen Geist zu
erkennen war, was der Kern des nationalsozialistischen
Projekts war, und dass es zum Widerstand leisten keineswegs
notwendig war sich an einer riesigen Verschwörung
zu beteiligen, sondern dass es auch aus kleinen Gruppen
aus dem Alltag heraus möglich war.
Es kann uns zeigen, dass wenn nicht Widerstand, so
wenigstens partielle, individuelle Verweigerung oder
minimale Sabotage für die meisten möglich
gewesen wäre.
Dass die bürgerliche Demokratie eben nur wenige
Demokraten hervorbringt, die bereit sind, sie zu verteidigen;
dass sie dafür aber die Gefahr in sich trägt,
in die Barbarei umzuschlagen.
Dass das einzige, was uns vor dieser Barbarei dauerhaft
schützen kann, eine Gesellschaftsordnung ist,
die auf aktiver Partizipation aller, am gesellschaftlichen
und politischen Leben beruht.
Dass diese Gesellschaft notwendigerweise auf kollektiver
Aneignung des gesellschaftlich produzierten Reichtums
und auf freier Assoziation der Individuen beruhen
muss.
Auch wenn die Vorstellung von Befreiung, welche Menschen
wie Georg Lechleiter hatten, sicher nicht genau dieselbe
ist wie die unsere, so mahnt uns ihr Beispiel:
Der Kampf gegen Faschismus macht nur Sinn, wenn er
gleichzeitig auch ein Kampf gegen seine Wurzeln ist.
In diesem Sinne: Gegen die Nation. Für eine herrschaftsfreie
Gesellschaft.
Ak Antifa
Mannheim im September 2005.
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