Die
Nazis in die Defensive drängen - Die Autoritäre
Formierung angreifen!
Aufruf
des Ak Antifa Mannheim zur Antifa Demo am 11. März
2006 in Ludwigshafen
22.
Juli 2005: Eine Gruppe Naziskins überfällt
auf der Konrad Adenauer Brücke zwei junge Männer,
die sie als "fremd" identifizieren. Einer
der beiden wird bei dem rassistisch motivierten Angriff
so schwer verletzt, daß er einen Schädelbasisbruch
und Hirnblutungen erleidet. Er kommt nur um ein Haar
mit dem Leben davon, liegt mehrere Wochen im Krankenhaus
und wird den Rest seines Lebens an den Folgen zu leiden
haben. Auch sein Begleiter, der ihm zu Hilfe kommen
möchte wird mit einer Gürtelschnalle verprügelt.
Ob brutale Straßenschläger, Führungsfiguren
des internationalen Rechtsrock-Netzwerkes „Hammerskins“
oder elitäre Kader der regionalen Kameradschaften:
Einige der wichtigsten Nazi-Kader aus der Rhein-Neckar
Region wohnen in Ludwigshafen, ebenso wie zahllose
Straßenschläger-Nazis. Sie alle fühlen
sich hier sicher vor antifaschistischen Interventionen
– das werden wir am 11 März gemeinsam mit
euch ändern!
Die regionale Naziszene läßt sich aber
nicht für sich genommen bekämpfen. Sie ist
Teil einer gesellschaftlichen Entwicklung, die seit
Jahren eine umfassenden Entwicklung der Entrechtung
und Verblendung schafft. Ökonomische Prekarisierung,
die Mobilisierung autoritärer Einstellungen in
der Bevölkerung und der Ausbau eines autoritären
Sicherheits- und Überwachungsstaates ergeben
eine gesellschaftliche Entwicklung, in der die Möglichkeiten
zum selbstständigen Gestalten des eigenen Lebens
immer geringer werden. Die Naziszene ist im Verlauf
und als Teil dieser Entwicklung massiv angewachsen,
und sie wächst weiter. Sie muß demnach
auch als ein Teil dieser autoritären Formierung
bekämpft werden.
Gleichzeitig ist spätestens seit Gerhard Schröders
Staatsantifa des Sommer 2000 das Engament gegen Nazis
kein Monopol der radikalen Linken mehr. Ganz im Gegenteil,
die offensive Abgrenzung von offen Nazistischem Gedankengut
und der Geschichte des Nationalsozialismus ist seit
Schröder/Fischer ein zentraler Teil des Selbstverständnisses
der "Berliner Republik" geworden. Antifaschistische
Politik die nicht nur antifaschistisch, sondern auch
emanzipatorisch und revolutionär sein möchte,
muss sich seither noch intensiver mit den gesellschaftlichen
Bedingungen und Grundlagen des Erstarkens der bundesdeutschen
Naziszene auseinandersetzen. Tut sie dies nicht, und
betreibt einen reinen Anti-Nazi Kampf, so läuft
sie Gefahr Teil des selben hegemonialen ideologischen
Projekts zu werden, das die Existenz der Nazis erst
möglich macht. In diesem Moment beginnt sie sich
ad absurdum zu führen und ihrem Projekt umfassender
sozialer Emanzipation entgegenzuarbeiten. Dies zu
vermeiden, dazu möchten wir im folgenden unseren
Beitrag leisten.
The
ugly Guys...
Die Nazi-Szene des Rhein- Neckar Dreiecks im Jahr
2005 gestaltet sich vielseitig. Sowohl die Parteistrukturen
der NPD, als auch zahlreiche „freie“ Kameradschaften
sind aktiv. Die Zusammenarbeit zwischen diesen funktioniert
seit Jahren problemlos. Zum Landtagswahlkampf 2006
in Rheinland-Pfalz kandidieren mehrere Kader aus dem
"Aktionsbüro Rhein-Neckar" auf der
Liste der NPD. Auch in Sachen Nazirock ist einiges
los: Auf zahllosen Konzerten wurde auch 2005 Nachwuchs
integriert und Geld verdient. Die handlungsfähigste
und für die Szene relevanteste politische Struktur
stellt seit Jahren das „Aktionsbüro Rhein-Neckar“
dar. Das „AB“ hat seine Aktivitäten
im Jahr 2005 vervielfacht. Zahlreiche kleinere öffentliche
Aktionen wie Infostände auf Dörfern fanden
ohne Vorankündigung statt. Die Nazis aus dem
Umfeld des „AB“ haben außerdem angefangen
in Gruppen von 25 – 60 Personen Veranstaltungen,
die ihnen mißliebig sind zu „besuchen“.
Sie wenden bei diesen Besuchen keine Gewalt an, ihre
Anzahl und ihr Auftreten sind aber durchweg eine offene
Drohung. Formell proklamieren sie „mitreden“
zu wollen, tatsächlich geht es um Störung
der Veranstaltung und Einschüchterung der Anwesenden.
Klar zu erkennen ist die Tendenz vermehrt zu versuchen
für verschiedene Kreise anschlußfähig
zu werden. Die Szene ist kulturell vielfältiger
geworden, sie besteht aus vielen Milieus. Auf den
Aufmärschen am ersten Mai liefen NPD-Opas im
Rentner-Outfit neben den „autonomen Nationalisten“
der Kameradschaft Bergstraße, Naziskinheads
in Bomberjacke und Stiefel marschierten neben folkloristisch
gekleideten Dirndl-Trägerinnen durch die Straßen.
Gerade das „AB“ versucht konsequent sich
als verfolgte unschuldige Minderheit zu inszenieren.
Zu diesem Zweck schießen dann angebliche „Bürgerinitiativen“
wie Pilze aus dem Boden. Dabei wird oftmals eine verkürzte
und antisemitische „Kapitalismuskritik“
betrieben und versucht sich als „soziale Alternative“
zu verkaufen. Auch wird seit längerer Zeit versucht
bei bestehenden Konflikten „auf fahrende Züge
aufzuspringen“. Der Versuch an einer Friedensdemo
in Mannheim gegen den Irakkrieg 2003 teilzunehmen
endete noch im Flaschen- und Steinhagel. Bei einer
Montagsdemo in Frankenthal 2005 jedoch wurden sie
erstmalig geduldet. Die regionale Naziszene simuliert
zur Zeit eifrig eine Soziale Bewegung in der Hoffnung
dadurch tatsächlich eine zu werden.
The
Rest…
Die Restgesellschaft legt ein sehr unterschiedliches
Verhalten den Nazis gegenüber an den Tag. Der
Alltagsterror, den die Straßennazis in Ludwigshafen
und großen Teilen des rheinland-pfälzischen
Hinterlandes gegen alle als „fremd“ wahrgenommenen
ausüben, findet dort im Alltag kaum Widerspruch.
Die Polizei kommt spät, schreitet noch später
ein und zeigt wie überall kaum Interesse für
die Situation der Opfer. Sie verschweigt Übergriffe
in der Regel und wird aus der berechtigten Angst vor
Gängelungen durch die Beamten oft erst gar nicht
gerufen.
Zwei Nazirock- Konzerte in Mannheim-Rheinau wurden
nach Druck aus dem Stadtrat von der Polizei beendet.
In aller Regel beschränken sich die Aktivitäten
der Polizei bei Rechtsrock-Konzerten jedoch auf Beobachtung
und höchstens Personalienkontrollen.
Die „Doppeldemo“ am ersten Mai rief zumindest
in Worms Proteste des bürgerlichen Spektrums,
beispielsweise des DGB, hervor. In Frankenthal wurde
sich dagegen im “Bratwurstessen gegen Rechts“
trainiert. Die NPD Kundgebung in Ludwigshafen am 03
September ´05 rief von bürgerlichen Gruppen
nur wenig Protest hervor. Gerade einmal 150 Menschen
kamen, um sich den Nazis entgegen zu stellen. Die
Kundgebung der NPD am 16. Oktober des Jahres zuvor
in Mannheim rief von Seiten bürgerlicher Gruppen
deutlich mehr Aktivitäten hervor. In den meisten
Fällen jedoch, in denen gegen angekündigte
öffentliche Aktionen der Nazis mobilisiert wurde,
stellte ein Gemisch Antifas, MigrantInnen und SchülerInnen
das Gros der Gegendemonstranten. Gerade in Ludwigshafen
hat die Polizei ein klares Feindbild. Das Problem
ist nicht nazistisches Gedankengut und seine Verbreitung,
sondern all diejenigen die sich dagegen positionieren.
Bei der letzten Kundgebung an Heiligabend kamen gerade
einmal knapp 100 Menschen um sich den Nazis entgegen
zu stellen. Die Polizei kesselte gleich zu Beginn
eine Gruppe jugendlicher Gegendemonstranten ein und
begann diese zu drangsalieren. Als Vorwand zur Festnahme
genügte bereits das Mitführen eines Schals,
wohlgemerkt Ende Dezember. Mehrere Jugendliche wurden
leicht verletzt.
Während im Alltag also die Ignoranz gegenüber
nazistischen Strukturen vorherrscht, gibt es anläßlich
angekündigter öffentlicher Aktionen von
Nazis eine bedingte Kultur des „sich dagegen
positionieren“, allerdings in hauptsächlich
verbaler Form.
Rechter
Konsens und NS-Tabu
Um die regionale Naziszene und ihre Entwicklung verstehen
zu können lohnt es sich zunächst allgemeiner
das Verhältnis der Nazi-Szene zum Rest der BRD-Gesellschaft
zu betrachten. Das Bündnis gegen Realität
(BGR) aus Leipzig hat dazu die Begriffe Rechter Konsens
und NS-Tabu entwickelt, die wir in diesem Zusammenhang
hilfreich finden. Was die bundesrepublikanische Gesellschaft
demnach kennzeichnet, ist das Bestehen eines Rechten
Konsens einerseits, und eines NS-Tabus andererseits.
Unter Rechtem Konsens werden dabei all jene Einstellungen
verstanden, die weit über die Nazi-Szene hinaus
in breiten Teilen der Bevölkerung verankert sind
und mit nazistischen Anschauungen übereinstimmen.
Dieser Rechte Konsens ist keine feste Einheit, er
besteht aus verschiedenen Elementen und Formen. Dabei
sind durchaus Ungleichzeitigkeiten und Widersprüche
möglich. Drei Aspekte kennzeichnen ihn grundlegend:
ein autoritäres Staatsverständnis, eine
völkische Eigen- und Fremdwahrnehmung und ein
spezifisches Verständnis von Arbeit. Im Rechten
Konsens wird dem Staat große Kompetenz zugesprochen.
Das Recht des Staates über die Individuen bestimmen
zu können, kann hier nicht angezweifelt werden.
Im Gegenzug dazu wird vom Staat die Lösung gesellschaftlicher
Probleme erwartet. Gelingt dies nicht, oder nur teilweise,
so stellt dies nicht die Rolle des Staates an sich
in Frage, sondern zeugt lediglich von der Inkompetenz
und Schwäche der aktuellen Regierung. Hier findet
sich die Lösung der Probleme durch einen „starken
Mann“ in weiten Teilen der Bevölkerung
potentiell angelegt. Die völkische Eigenwahrnehmung
meint den weitverbreiteten Glauben, als Einzelner
Teil eines Volkes, im Sinne einer Abstammungs- und
Schicksalsgemeinschaft zu sein. Dieses wird als natürliche
Grundlage des Nationalstaates erachtet. Die andere
Seite dieser Vorstellung, Teil eines Volkes zu sein,
ist die Definition dessen, was "fremd" ist,
also vor allem MigrantInnen und Jüdinnen und
Juden. Dabei haben sowohl der Antisemitismus als auch
der Rassismus in den letzten Jahren bedeutende Weiterentwicklungen
erfahren. Ob die Begründung der angeblichen Fremdheit
nun aber "Rasse", oder moderner: "Kultur"
ist, ob Jüdinnen und Juden für ihre angebliche
Weltverschwörung gehaßt werden, oder ob
sie moderner: auf Israel projiziert werden und dort
die dann größte Gefahr für den Weltfrieden
sein sollen: das eigene „Volk“, die eigene
Identität bestimmt sich immer am einfachsten
in Abgrenzung und Ausschluß von „Fremden“.
Außerdem zentral im Rechten Konsens ist eine
bestimmte Vorstellung davon, was Arbeit bedeutet.
Arbeiten zu gehen wird als Voraussetzung dafür
betrachtet, an der Gemeinschaft teilhaben zu dürfen,
arbeiten ist ein zentraler Wert, die zentrale moralische
Erwartung an alle Gesellschaftsmitglieder und wird
gleichzeitig auch als bedeutendes individuelles Recht
verstanden.
Die Einstellungsmuster des Rechten Konsens formulieren
zwei zentrale Erwartungen an den Staat: die Schutzerwartung
und die Wohlstandserwartung. „Vater Staat“
soll allen Arbeit geben und ihnen so ein „anständiges“
Auskommen ermöglichen. Zum zweiten soll er die
Schicksalsgemeinschaft vor Bedrohungen aller Art schützen.
Während des Kalten Krieges war das zentrale Feindbild
und die Bedrohung der stalinistische Ostblock. Nach
dessen Ende wurde dieses durch vielfältigere
ersetzt.
Der
„Nationale Wettbewerbsstaat“
Der rechten Konsens ist historisch gewachsen und hat
sich immer wieder verändert. Um seine aktuellen
Veränderungen verstehen zu können, ist es
hilfreich, den Umstrukturierungsprozeß betrachten,
in dem Staat und Wirtschaft sich seit Jahren befinden.
Im Rahmen der neoliberalen Globalisierung haben die
Nationalstaaten begonnen ihre Rolle zu verändern.
Dabei sind sie zunehmend weniger in der Lage soziale
und wirtschaftliche Konflikte im nationalstaatlichen
Rahmen zu lösen. Diese korporatistische Lösung
ökonomischer und sozialer Konflikte im Rahmen
des Nationalstaates war kennzeichnend für die
vorangegangene Phase des Fordismus. Hierzu zählt
die Integration der Gewerkschaften, und eine relativ
hochtechnisierte Massenproduktion von Konsumgütern
ebenso wie der Ausbau des Sozialstaates und die Etablierung
großer Volksparteien. Möglich war dies
geworden, weil die Wirtschaft ihren Wertschöpfungsprozeß
zu einem Großteil im Binnenmarkt vollziehen
konnte. Die Steigerung der Einkommen weiter Bevölkerungsschichten
war gleichzeitig Folge und Bedingung dieses Prozesses.
Zur Überwindung der zweiten Weltwirtschaftskrise
seit den siebziger Jahren war es jedoch notwendig
geworden andere Sphären der Wertschöpfung
zu erschließen. Hierfür erwies sich die
institutionelle Formierung des Fordismus als hinderlich.
Im Rahmen der nun notwendig gewordenen zunehmenden
Entflechtung, Flexibilisierung und Internationalisierung
der wirtschaftlichen Zusammenhänge verwandeln
sich die Nationalstaaten seither zunehmend in Wirtschaftsstandorte,
die miteinander um Investitionen konkurrieren. Dabei
gilt es möglichst attraktiv für Unternehmen
zu sein. Das heißt eine gute Infrastruktur,
niedrige Steuern, gut ausgebildete Arbeitskräfte
bei gleichzeitig niedrigen Lohnkosten anbieten zu
können. Diese Strukturveränderungen bringen
die Nationalstaaten gleichzeitig in eine Krise ihrer
bisherigen Mechanismen der Legitimationsbeschaffung.
Aus dem Garanten individueller und kollektiver sozialer
Sicherheit und der ökonomischen Zukunftsperspektive
ist ein Akteur geworden, der die zunehmend größeren
Zumutungen der kapitalistischen Sachzwänge umsetzen,
und diese Umsetzung den Individuen vermitteln muß.
Die Legitimation staatlicher Herrschaft muß
seither zunehmend auf anderen Gebieten stattfinden.
Durch die Aktivierung des Rechten Konsens gegen angebliche
innere und äußere Feinde in unterschiedlichen
Kampagnen versucht die Politik die Legitimation und
Zustimmung, die ihr auf dem Gebiet der Sozial- und
Wirtschaftspolitik zunehmend abgeht, auszugleichen.
Die
Autoritäre Formierung…
Die Autoritäre Formierung ist eine umfassende
gesellschaftliche Entwicklung der Entrechtung und
Verblendung. Sie ist ein umfassendes Projekt institutioneller,
ökonomischer und ideologischer Transformationen,
das die Krise des Fordistischen Akkumulationsmodells
lösen soll und die Individuen noch weiter von
einer selbstbetimmten und rationalen Gestaltung ihres
Lebens entfernt, als sie es bisher schon waren. Sie
richtet ihre Interessen und Bedürfnisse noch
schärfer aufeinander und befördert dabei
autoritäre Einstellungsmuster.
Sie vollzieht einerseits eine massive Verschärfung
der materiellen Verhältnisse und vermittelt und
legitimiert diese gleichzeitig mit ideologischen Kampagnen,
die den Rechten Konsens mobilisieren und reproduzieren.
Dabei sind der ideologische und der materielle Aspekt
nie zu trennen. Während der boomende Nationalismus
bspw. zunächst eine ideologische Transformation
ist, wirkt diese sich für die vom zunehmenden
Rassismus betroffenen handfest aus. In Hunger, Folter
oder Tod abgeschoben zu werden ist kein ideelles Problem.
Es handelt sich aber nicht um einen abgeschlossenen
Vorgang, sondern einen langfristigen Prozeß,
der sich ganz aktuell vollzieht, und ohne starken
Gegenwind auch noch lange weitergehen wird. Der angesprochene
Paradigmenwechsel hin zu einer als neoliberal definierbaren
Politik begann in der BRD zwar bereits mit der Regierung
Kohl ab `82, hemmungslos an Fahrt gewann er aber erst
nach den epochalen Veränderungen der Jahre '89/'90.
Der Zusammenbruch des Ostblocks, das scheinbare „Ende
der Geschichte“ und der Zusammenbruch der damaligen
Linken ließen den Großteil des gesellschaftlichen
Gegendrucks zusammenbrechen.
Der Begriff Autoritäre Formierung versucht die
gesellschaftlichen Veränderungen seither zu fassen,
und die Entwicklung der NS-Szene als ein Teil dieser
Entwicklung zu begreifen. Zentral ist dabei die Verschiebung
der staatlichen Legitimation von der Befriedigung
der Wohlstandserwartung auf die der Schutzerwartung.
Als Ziel der Autoritären Formierung könnte
man mit ihren ideologischen Protagonisten sagen:
Deutschland fit zu machen für den globalisierten
Kapitalismus des 21. Jahrhunderts.
Die Schlagworte schlechthin sind dabei der "Standort"
und die sogenannte "Wettbewerbsfähigkeit"
geworden. Ob Nationalstaaten, Städte, Regionen
ob Unternehmen, Abteilungen oder Menschen: sie alle
werden schärfer denn je daran gemessen, wie weit
sie die Erwirtschaftung von Profit befördern
oder behindern.
Prekarisierung…
Die Autoritäre Formierung ist auch der Wandel,
der die zunehmende Dominanz und Autorität des
Akkumulationsregimes beschreibt, der der Sachzwanglogik
der endlosen Akkumulation immer direkteren Zugriff
auf die Individuen erlaubt. Die eigene Existenz gegenüber
dem omnipräsenten kapitalistischen Sachzwang
der Wertschöpfung zu rechtfertigen, sie mit diesem
in Übereinstimmung zu bringen, wird dabei immer
schwieriger. Selbst mit einer relativ hohen Qualifikation
sind befristete Zeitverträge heute in vielen
Branchen die Regel. Der Druck die eigene Verwertbarkeit
zu beweisen steigt. Gleichzeitig ist seit vielen Jahren
eine massive Zunahme der Mac-Jobs zu verzeichnen.
Auch und gerade in niedrigqualifizierten Jobs werden
auch in Deutschland Arbeitnehmerinnenrechte demontiert,
die über Jahrzehnte als Selbstverständlichkeit
galten. Gedacht sei hier beispielsweise an die jüngst
der breiten Öffentlichkeit zugänglich gewordenen
Arbeitsbedingungen bei Lidl, die seit Jahren öffentlich
betriebene Demontage der Flächentarifverträge
oder oder oder ...
Mit Hartz IV wird auch der Sozialstaat immer autoritärer.
Bereits nach einem Jahr Arbeitslosigkeit folgt jetzt
der Absturz aufs Existenzminimum. Dem unverwertbaren
Bodensatz der Wertschöpfungsgesellschaft wird
dabei mit immer mehr moralischem Druck und behördlicher
Gängelung begegnet. Hausbesuche und Schnüffeleien
in der Privatsphäre der Betroffenen zur Untersuchung
der „Rechtmäßigkeit“ der angemeldeten
Bedürfnisse gelten als völlig normal. Auch
medial wird hier immer stärkerer Druck ausgeübt.
In zahllosen Medienkampagnen gegen „Sozialschmarotzer“
wird der Rechte Konsens gegen die inneren „Feinde
des Volkes“ aktiviert. Hier wird in autoritärer
Manier das herrschende Arbeitsethos in Stellung gebracht.
Das wahnhafte Bild des Rechten Konsens projiziert
die Ursache für Arbeitslosigkeit in das Innere,
die Moral der Individuen. Faulheit sei der Grund so
heißt es, die Betroffenen demnach schuldig.
Daß schon rein strukturell viele Menschen aus
dem kapitalistischen Wertschöpfungsprozeß
herausfallen, wird dabei gekonnt ausgeblendet.
Die gesamte Krise des fordistischen Akkumulationsmodells
wird dabei medial in einer scheinbaren Unausweichlichkeit
und gemeinsam mit ihrer neoliberalen Lösung als
einzigem Ausweg propagiert. Tagtäglich werden
wir von einem kruden propagandistischen Gebrabbel
über Staatschulden und Reformstau terrorisiert.
Konsequent wird dabei die weitere gesellschaftliche
Zurichtung auf Verwertbarkeit propagiert. Reformer
so heißt es, sind diejenigen, die Rechte abbauen,
Blockierer all jene, die an dieser Propaganda zweifeln.
Die mediale Vermittlung der Krise geschieht dabei
so, daß sie die Illusion der Schicksalsgemeinschaft
weiter befördert. Die aktuelle ökonomische
Krise so wird vermittelt, kann nur von allen zum Zwangskollektiv
„Nation“ gehörenden gemeinsam bestanden
werden. Gleichzeitig wird die Verantwortlichkeit für
soziale Absicherung zunehmend individualisiert. Die
erhöhte Bedeutung der systemimmanenten Sachzwänge
der Wertschöpfungswirtschaft verkleinert die
Handlungsspielräume der Politik. Die wirtschaftlichen
Konzepte der bürgerlichen Parteien unterscheiden
sich nur noch äußerst graduell. Bot die
bürgerliche Demokratie schon immer nur einen
äußerst engen Rahmen, innerhalb dessen
Entscheidungen gefällt werden, und schloß
dieser die interessanten Fragen immer schon aus, so
verkleinert sich dieser Rahmen zusehends weiter. Politische
Konzepte, so reaktionär sie sein mögen,
verschwinden zusehends. Die ökonomische und soziale
Sicherheit wird zunehmend individualisiert und der
„Eigenverantwortung“ von Marktsubjekten
überantwortet. Es regiert der Sachzwang, die
Verblendung schreitet voran.
Der
Sicherheitsstaat
Zur medialen Vermittlung der realen ökonomischen
Krise des Fordismus gesellt sich eine zunehmende Differenzierung
der vermittelten Bedrohungsszenarien. Die alten Feindbilder
aus dem Kalten Krieg fanden rasch Ersatz. Während
auf dem Gebiet der Wirtschaftspolitik die Erfolge
ausblieben, konnte sich die Politik auf dem Gebiet
der „Inneren Sicherheit“ stark und handlungsfähig
präsentieren.
In den neunziger Jahren halfen die Diskurse über
die „organisierte Kriminalität“ und
„Banden aus Osteuropa“ dem neoliberalen
Wettbewerbsstaat sich in Bezug auf die Schutzerwartung
als stark und handlungsfähig inszenieren zu können.
Bald wurden die „kriminellen Ausländer“
zu einem der Lieblingsschlagwörter auch der NS-Szene
und boten dieser neue Anknüpfungsmöglichkeiten.
Mit jeder Aktivierung des Rechten Konsens, mit jedem
neuen Feindbild wird der Rechte Konsens erweitert,
reproduziert. Von diesem ständigen Anheizen konnte
und kann die NS-Szene profitieren und oftmals in eigenen
Aktivitäten wachsen und Stärke gewinnen.
Faktisch sind die letzten 15 Jahre auch durch einen
rasant voranschreitenden Abbau bürgerlicher Freiheitsrechte
gekennzeichnet. In dieser Zeit fand ein massiver Ausbau
der rechtlichen Kompetenzen der Sicherheitsorgane
und ihre beispiellose technologische Aufrüstung
statt. Ob großer Lauschangriff, Sicherheitspaket,
Kameraüberwachung öffentlicher Plätze
oder die Umstrukturierung des BGS zur Bundespolizei:
Während die große Volkszählung 1987
noch einen Aufschrei und eine Protestwelle bis weit
ins bürgerliche Lager auslöste, formiert
sich heute kein nennenswerter gesellschaftlicher Widerstand
gegen wesentlich schärfere Entwicklungen.
Andererseits ist der autoritäre Sicherheitsstaat
das Mittel des Staates sich mit der NS-Szene auseinander
zu setzten. Weil die von ihnen selbst ständig
eingeforderte inhaltliche Auseinandersetzung den bürgerlichen
Politikern unmöglich ist; schließlich vertreten
sie die meisten Thesen der NS-Szene in abgewandelter
Form selbst, wird versucht dieser mit Verboten Herr
zu werden. Diese Verbote haben dabei einen ambivalenten
Effekt. Einerseits schwächen sie die Szene für
eine Weile, da diese mit ihrer Reorganisation beschäftigt
ist. Andererseits können sie die langfristig
keinen nennenswerten Teil der Kader von ihren Aktivitäten
abhalten. Im Gegenteil: die Verbote von Mitte der
neunziger Jahre (FAP, ANK, Wiking-Jugend usw.) haben
einen ungeheuren Produktivitätsschub in der Szene
ausgelöst. Stellte zunächst die JN das relevante
Auffangbecken dar, so gewannen bis Ende der Neunziger
die „Freien Kameradschaften“ die Oberhand.
Diese loseren, informelleren Strukturen reproduzieren
sich wesentlich schneller, sie sind auch schneller
zu Veränderungen in der Lage. Erst sie haben
die kulturelle, politische und organisatorische Vielfalt
der Szene die wir heute finden möglich gemacht.
Diese Differenzierung gehört zu den bedenklichsten
Entwicklungen der Szene, ermöglichen sie es doch
den Nazis ansatzweise aus dem sozialen Ghetto heraus
zu kommen und Bestandteil normaler Alltagskultur zu
werden.
Auch der Ausbau eines immer perfider werdenden Migrationsregimes
zählt zur Entwicklung des autoritären Sicherheits-
und Überwachungsstaates. Jede Nacht machen bewaffnete
Grenzpolizisten mit Hunden und Nachtsichtgeräten
an den Außengrenzen der EU Jagd auf Flüchtlinge.
100000e Menschen leben quasi unsichtbar, da „illegal“
in der Bundesrepublik, dabei stets elementarer Rechte
beraubt. Ob Recht auf Bewegungsfreiheit, Unverletzlichkeit
der Wohnung oder Demonstrationsfreiheit: von den bürgerlichen
Freiheitsrechten verbleiben mehr und mehr nur verstümmelte
Reste. Diese Entwicklung hat aber ihren Ursprung nicht
nur in der ideologischen Legitimation staatlicher
Herrschaft, sondern hat für diese auch praktische
Gründe: mit der Verschärfung der Verhältnisse
steigt das Risiko aufsässiger Bewegungen. Diese
sollen in jedem Fall unter Kontrolle gehalten werden.
Die
deutsche Welle...
Der erste große Boom des Kechten Konsens in
den letzten Jahren fällt mit der Einverleibung
der DDR zusammen. An ihr läßt sich bereits
das Verhältnis des rechten Konsens in der Bevölkerung
zu seiner Aktivierung durch Politik und Medien einerseits,
und der NS-Szene andererseits ablesen. Vorrausgegangen
war der formalen Wiedervereinigung eine beispiellose
Welle nationalistischer Mobilisierung in DDR und BRD.
Der Startimpuls der Autoritären Formierung lag
demnach bei der Bevölkerungsmehrheit. Umgekehrt
wurde der aufblühende Nationalismus aber von
Politik und Medien gezielt und massiv geschürt.
Auf Basis des „Wir sind das Volk“-Taumels
der Dresdner Montagsdemos ff. wurde die Einverleibung
der DDR in die BRD möglich. Aus der politischen
Verfestigung und Beförderung des völkischen
Wahns im erstarkten Deutschland folgten dann später
wieder die rassistischen Pogrome von Rostock, Mölln
und Solingen. Der kollektive völkische Wahn dieser
Jahre lies die Naziszene in ihrem Umfang explodieren.
Dieser erstarkten Naziszene gelang es die nationalistische
und rassistische Stimmung weiter anzuheizen, und dabei
einige ihrer Diskurse bis weit in bürgerliche
Kreise zu transportieren.
Genau an diesen Punkten, wenn es wie Anfang der Neunziger
der NS-Szene gelingt durch die Aktivierung des Rechten
Konsens Zustimmung zu erzeugen, und so die Politik
unter Druck zu setzten, kann sie Erfolg haben. Die
bürgerliche Politik rückt nach rechts, um
selbst diese Stimmung für sich produktiv zu nutzen,
während die Nazis den politischen Erfolg in die
Konsolidierung ihrer Strukturen umsetzten können.
Die damalige Hetze gegen „Asylanten“ traf
auf breite Zustimmung, der blühende Rassismus
fand in der Abschaffung des Asylrechts 1993 seinen
formalen Niederschlag. Die fortschreitende Entwicklung
und Aktivierung stereotyper Feindbilder stabilisiert
die herrschende Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung
indem sie Identifikationsmuster bietet. Andererseits
bedeutet der blühende Rassismus für die
von ihm Betroffenen eine massive materielle Verschlechterung
ihrer Situation.
Die
Geschichte ist immer die Geschichte der Herrschenden...?!
Die konservative Politik der 80er Jahre versuchte
noch die offene Versöhnung mit der NS-Vergangenheit,
versuchte letzten Endes die Tabuisierung des NS langsam
aufzuweichen. Erinnert sei hier an Kohls „ehrenden“
Besuch an den SS-Gräbern in Bitburg und den Historikerstreit
um die Totalitarismus-These 1986/87. Diese offene
Versöhnung wurde mit der Wiedervereinigung unmöglich,
die europäischen Nachbarn, allen voran Großbritannien
und Polen, hatten erhebliche Bedenken gegen das erneute
Erstarken eines wiedervereinigten Deutschland angemeldet.
In dieser Situation war diese Form des Geschichtsrevisionismus
im Hinblick auf die Entwicklung der BRD im internationalen
System hinderlich. Die Regierungsübernahme von
Rot-Grün 1998 ermöglichte in diesem Sinne
große Schritte nach vorn. Standen die konservativen
Politiker der Ära Kohl immer in einem gewissen
Verdacht sich der Vergangenheit entledigen zu wollen,
so waren die '68er Schröder und Fischer über
diesen Verdacht scheinbar erhaben. Statt das NS-Tabu
langsam aufzuweichen wurde es bei ihnen nun in einen
neuen Menschenrechts-Nationalismus integriert. Womit
es den Konservativen so lange gehapert hatte, gelang
Rot-Grün in Windeseile: die endgültige Versöhnung
mit der deutschen Geschichte. Und mehr noch, diese
wurde produktiv in Wert gesetzt für das neue
Deutschland, die „Berliner Republik“.
Nur etwa ein Jahr nach ihrem Amtsantritt führte
Deutschland unter Rot-Grün erstmals wieder einen
Angriffskrieg, im Rahmen des NATO-Überfalls auf
Serbien. Beeindruckend dabei die Dreistigkeit der
Argumentation: nicht trotz, sondern wegen Auschwitz
sei der Überfall notwendig gewesen, so war zu
hören. Was bereits seit Jahren verteidigungspolitische
Richtlinie war, den Zugang zu Märkten und Rohstoffen
in aller Welt zu sichern, wurde hier zum ersten mal
militärisch durchgeführt. Der historische
Nationalsozialismus stand dem neuen deutschen Großmachtstreben
nicht mehr länger im weg, er begann es in dieser
Logik zu legitimieren. In der Folge der Versöhnung
mit der Vergangenheit entstand ein beispielloser Opfermythos
der Deutschen über sich selbst. Dieser entstand
nicht erst; die meisten Menschen in Deutschland hatten
sich schließlich immer selbst für die ärmsten
Opfer des NS gehalten, aber er wurde politisch salonfähig
und zu einem produktiven öffentlichen Diskurs.
An kaum einem Punkt hat die vermeintlich tolerante
„Berliner Republik“ so große Schnittmengen
mit der Nazibewegung wie in ihrem Opferwahn. Jörg
Friedrich, dessen pseudohistorischer Bestseller „Der
Brand“ beispielhaft für den quasi-konsensualen
deutschen Opfermythos stehen kann, spricht in seinem
Buch von brennenden Luftschutzbunkern als „Krematorien“
und nennt alliierte Bomberverbände „Einsatzgruppen“.
Diese Wortwahl relativiert ganz offensichtlich den
Holocaust, aber sie ist geschichtspolitischer Mainstream
der „Berliner Republik“. Wenn die NPD
im sächsischen Landtag dann vom „Bombenholocaust“
spricht, ist der Unterschied im Grunde marginal. Dennoch
produziert das eine einen Skandal und das andere (re-)produziert
den Mainstream Diskurs. Den Unterschied macht das
NS-Tabu. Die NPD wählt diese Worte bewußt
am 27.01., dem Gedenktag der Befreiung Auschwitz`
um zu provozieren. Während die bürgerlichen
die Schuld längst nicht nur akzeptiert haben,
sondern in ihren neuen Nationalismus die Tabuisierung
des NS zentral aufgenommen haben, so bricht die NPD
dieses Tabu bewußt, um es so angreifen zu können.
Die Verbrechen des Zweiten Weltkrieges werden im bürgerlichen
Kontext zunehmend universalisiert, entkontextualisiert
und so relativiert. Die Hinrichtung von Juden durch
die SS, der Tod durch amerikanische Bomben oder der
Angriff auf den Irak: die die sich mit der Geschichte
versöhnt haben verkochen alles in einem großen
Brei gleichgemachter „Leiden“ und erklären
sich gleichzeitig zu deren ultimativen Bewältigungsweltmeistern.
Das geläuterte Deutschland so heißt es,
darf mit seinen Bomben Menschenrechte in alle Welt
exportieren. Die Konstruktion der deutschen Friedensmacht
findet stark im europäischen Rahmen statt. Das
aktuelle deutsche Großmachtstreben unterscheidet
sich von dem der Jahrhundertwende und des Nationalsozialismus
besonders darin, daß es nicht in Aggression,
sondern Kooperation mit seinen europäischen Nachbarn
unter Führung der BRD stattfindet. Gerade diese
blutige Vergangenheit wird dabei von den europäischen
„Partnern“ gemeinsam ideologisch in Wert
gesetzt. Die öffentlichen europäischen Diskurse
anläßlich des Irakkrieges zeigten es deutlich:
Europa verkauft sich mit Berufung auf die gemeinsame
Geschichte als „Friedensmacht“. Gerade
am 8.Mai 2005 zeigte sich auch die Bereitschaft der
europäischen Regierungen, va. Frankreichs und
Großbritanniens, die Geschichte des zweiten
Weltkrieges nach Manier der „Berliner Republik“
in einem großen, faktisch schuldtilgenden Brei
von vermeintlich gemeinsamen Leiden aufgehen zu lassen.
Was bei Opfer- und Veteranenverbänden dieser
Länder auf wenig Gegenliebe stößt,
ist für deren Regierungen äußerst
sexy: die Konstruktion einer gemeinsamen europäische
Identität, als angeblich "sozialer Alternative"
zu den Vereinigten Staaten. Dieser Punkt verweist
bereits auf den Zweck dieser Transformationen. Diese
Konstruktion ist zweckdienlich für die Entwicklung
einer europäischen Wirtschafts- und langfristig
auch Militärgroßmacht. Als Teil dieses
Bündnisses ist es den europäischen Staaten
besser möglich ihre nationalen Interessen in
einer globalisierten Welt zu durchzusetzen. Die Entwicklung
einer europäischen Identität ist die ideologische
Aufrüstung zur Großmacht. Sie bietet einen
äußerst funktionalen Legitimationszusammenhang
um die Verschiebung nationalstaatlicher Kompetenzen
auf die supranationale Eu gegen nationalistische Ressentiments
ebenso zu legitimieren, wie die Durchsetzung ökonomischer
Sachzwänge gegen bisher garantierte sozialstaatliche
Privilegien.
Bilderwelten....
Die ideologische Klammer, die den rechten Konsens,
gerade anläßlich der vermeintlich sozialen
und historisch geläuterten Ablehnung des Irakkrieges
den rechten Konsens erweiterte und erneuerte, ist
die des antiamerikanischen Ressentiments. Über
dieses ließen sich große teile des alt-
68er Milieus noch tiefer in den rechten Konsens verstricken,
als sie es bisher schon waren. Die Ablehnung des Angriffs
auf den Irak ließ eine europaweite Friedensbewegung
entstehen an deren Spitze die Regierungen von Frankreich
und Deutschland standen. Die weit verbreitete Parole
war: Kein Krieg für Öl! Schaffte der ungleich
skandalösere Krieg gegen Serbien vier Jahre zuvor
es in Deutschland kaum auch nur eine Maus hinter dem
Ofen hervorzulocken, so waren sich beim Angriff der
USA auf den Irak alle einig: allein wirtschaftliche
Interessen, Profitgier sei Motiv dieses Krieges. Wurden
die nicht besser zusammen gelogenen „Argumente“
und „Beweise“ den eigenen Politikern problemlos
geglaubt, so wurden sie beim „profitsüchtigen
Amerikaner“ plötzlich durchschaut.
Zu dieser ideologischen Bewegung gehört auch
die vermeintliche „Kapitalismuskritik“
des sozialeren Europa, die letzten Sommer von Franz
Müntefering angestoßen wurde. Das Titelbild
der IG-Metall Zeitung vom August 2005 ist dabei zu
trauriger Berühmtheit gelangt. Der amerikanische
Investor als hämisch grinsende Heuschrecke, die
die ach so sozialen europäischen Unternehmen
aussaugt. Das Bild der Heuschrecke ist dabei rasch
in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen. Hier
findet sich die klassische verkürzte Kapitalismuskritik
des Antisemitismus im antiamerikanischen Ressentiment
wieder. Anstatt den Kapitalismus als apersonales strukturelles
Herrschaftssystem zu erkennen und die amorphe Herrschaft
der „toten aufgehäuften Arbeit“ ebenso
total zu kritisieren wie sich durch die Individuen
vollzieht, wird eine künstliche Trennung vollzogen.
In dieser strukturell der klassischen antisemitischen
Bilderwelt gleichenden Vorstellung finden wir gutes,
weil schaffendes und produktives Kapital und, dem
entgegengesetzt, böses, weil raffendes und unproduktives
Kapital. Diese Trennung ist unzulässig, denn
das Kapitalverhältnis beginnt bereits mit Privatbesitz
und Lohnarbeit, und sie hat weitreichende Folgen.
Weil das Kapitalverhältnis nicht in seiner Komplexität
und seinem strukturellen Charakter erkannt wird, werden
alle seine negativen Folgen auf einzelne Akteure oder
Gruppen projiziert. Diese Verkürzungen und Ressentiments,
die weite Teile der Bevölkerung über „die
Amerikaner“ teilen, ähneln denen des klassischen
Antisemitismus.
Zurück
zu den Nazis
Während sich in den Mainstream Diskursen des
„sozialen Europa“ der Antisemitismus noch
hinter der vorgeblich „sachlichen“ USA-Kritik
verbirgt, lehnt sich die Naziszene an diese Diskurse
an und verschärft sie offen antisemitisch. Die
angesprochene Trennung in „schaffendes“
und „raffendes“ Kapital fügt die
NS-Szene mit einem Arbeitskult, wie er bereits aus
dem historischen NS bekannt ist zu ihrem speziellen
Antikapitalismus zusammen. Das „gute, deutsche,
anständig arbeitende Volk“ wird hier ganz
offen gegen das „internationale Finanzjudentum“
in Stellung gebracht. Dabei wird massiv versucht sich
als „volksnahe, soziale Alternative“ zu
verkaufen. Gerade der relative Erfolg der Nazis auf
den Montagsdemos, va. im Osten wirkt dabei grotesk:
diejenigen der Nazis die überhaupt so etwas wie
wirtschaftspolitische Konzepte haben, sehen in diesen
für Arbeitslose noch wesentlich schärfere
Entrechtungen und Zwangsdienste vor, als Hartz IV
sie bereits bedeutet. Dennoch ist es ihnen an diesem
Punkt recht erfolgreich gelungen in die sozialen Proteste
mittels der Aktivierung des Rechten Konsens zu intervenieren.
Sie bieten eine konforme Rebellion: die scheinbare
Auflehnung, die angeboten wird, läßt die
gesellschaftlichen Grundfesten unangetastet und verspricht
gleichzeitig Auflehnung und Wiederherstellung einer
vermeintlich „natürlichen“ Ordnung.
Die Naziszene, so wie sie sich heute darstellt ist
ein Produkt all dieser oben beschriebenen Entwicklungen.
Angefangen mit ihrem massiven Anwachsen durch den
Nationalismusboom der Wiedervereinigung und die erfolgreich
geschürte Nationalismuswelle, über die Übernahme
bürgerlicher Feindbilder bis zum weiteren Wachstum
in den Neunzigern. Ebenso die Herausbildung der „freien“
Strukturen als Folge der Verbote von Mitte der neunziger
Jahre und in deren Folge die kulturelle, strukturelle
und politische Differenzierung der Szene.
Das Vorhandensein neonazistischer Diskurse in wesentlich
vielfältigeren Formen als noch vor wenigen Jahren
gehört für uns zu den gefährlichsten
Entwicklungen der nazistischen Szene. Wenn unter Jugendlichen
die Stigmatisierung nazistischer Kultur bröckelt,
wenn Landser ebenso bekannt ist wie die Musik aus
den Charts, wenn Nazis nicht mehr nur häßliche
Skinheads, sind sondern schicke Popper sind, dann
bröckelt hier ansatzweise das NS-Tabu in der
jungen Generation.
Die NS-Szene bildet die Restgesellschaft nicht einfach
ab, sie übernimmt und überspitzt einige
ihrer Diskurse, ebenso wie es ihr gelingt manche ihrer
Diskurse in die Restgesellschaft zu tragen. Beide
stehen in einem Verhältnis wechselseitiger Spannung,
ebenso wie großer Nähe. Sie beeinflussen
sich gegenseitig, und gemeinsam schaffen sie die Entwicklung
fortschreitender Entrechtung und Verblendung, die
wir Autoritäre Formierung nennen. Der blutige
Straßenterror der Nazis ist dabei nur einer
der plakativeren Ausdrücke dieser Entwicklung.
Der Kampf gegen ihn kann für uns nicht allein
stehen. Seit der Integration des NS-Tabus in den Nationalismus
der "Berliner Republik", muss der Kampf
gegen Nazis noch mehr als zuvor ein Kampf gegen ihre
gesellschaftlichen Grundlagen sein. Er kann letztendes
nur erfolgreich sein wenn wir unser Projekt umfassender
gesellschaftlicher Emanzipation verwirklichen und
nazistischem Gedankengut so seine Grundlage entziehen.
Eine „wirkliche Bewegung, die die Aufhebung
des jetzigen Zustandes schafft“ ist für
uns aber nicht allein deshalb erstrebenswert, weil
sie Mittel im Kampf gegen die Nazis ist, ganz im Gegenteil.
Der Kampf gegen Nazis ist auch ein Mittel in Kampf
um ein „Ende der Vorgeschichte der Menschheit“
und für einen „Verein freier Menschen“.
Der Kampf gegen den sich beständig verschärfenden
Wahnsinn des Verwertungs- und Akkumulationsregimes
und der Kampf gegen den Straßenterror der Nazis
gehören für uns untrennbar zusammen. Dem
"falschen Ganzen" stellen wir ein radikales
Begehren nach einer emanzipierten Gesellschaft entgegen.
In der momentanen Situation muss unser Kampf bei den
Nazis anfangen, er muss aber von Anfang an darauf
bedacht sein nicht dabei stehen zu bleiben. Gemeinsam
an Stärke gewinnen, zu den Subjekten der Geschichte
werden, kollektive politische Partizipation und ökonomische
Aneignung gegen Entrechtung und Verblendung durchsetzten
heisst unsere Agenda langfristig.
Weil sich die autoritäre Formierung nicht ohne
einen Ansatzpunkt angreifen läßt, und weil
sich das Naziproblem in Ludwigshafen nicht isoliert
bekämpfen läßt:
Die
Nazis in die Defensive drängen – die Autoritäre
Formierung angreifen!
Ak
Antifa Mannheim, Frühjahr 2006
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