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ANTIFA MANNHEIM
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UNSERE
TEXTE ZUR KAMPAGNE
Alle
Texte gibt es auch in gedruckter Form
in unserer kostenlosen Broschüre zur
Kampagne
(siehe » Mobilisierung)
»
Aufruf zur Demo "Kein
Frieden mit Deutschland!" am 3. Oktober
»
Wider das deutsche
Geschichtsverständnis
»
Nazis am 3. Oktober
- Rückblick und Gegenstrategien
Kein
Frieden mit Deutschland!
Aufruf zur Demonstration gegen Nation,
Rassismus und Kapitalismus am 03.10.2007
Anfang der 1990er Jahre schwelgte
die deutsche Nation im Jubel über
die so genannte "Wende".
Der 3. Oktober steht dabei als Symbol
für die Wiedererlangung nationaler
Souveränität nach dem Wegfall
letzter alliierter Restriktionen.
Zugleich weist er als institutionalisiertes
Feiertagsritual auf das sich seit
der so genannten „Wiedervereinigung“
abzeichnende gesellschaftliche Projekt
hin: Die gemeinsame nationale Formierung
einer kapitalistisch zu organisierenden
Gesellschaft, die ohne Rassismus als
Merkmal der Identitätsstiftung
nicht auskommen konnte und kann. Dabei
brach sich eine bislang unter der
Oberfläche schwelende und nur
mühsam zurückgehaltene nationalistische
Grundstimmung bahn, die von den gesellschaftlichen
Eliten gleichermaßen gefördert
und instrumentalisiert wurde –
im Einklang mit und selten gegen die
Interessen der deutschen Mehrheitsbevölkerung,
deren Individuen bereitwillig im völkischen
Kollektiv aufgingen. In Mannheim zeigte
sich diese Entwicklung im Jahr 1992
an den pogromartigen Ausschreitungen
im Stadtteil Schönau.
Die Vereinigung der
beiden deutschen Staaten ermöglichte
eine Rückbesinnung auf die Nation,
welche zwar in den 1980er Jahren schon
angestrebt, jedoch durch die Blockkonfrontation
erheblich gehemmt wurde. Der Zusammenbruch
der selbsternannten sozialistischen
Länder wurde schließlich
als Chance verstanden, sich als rehabilitierte
Nation endgültig vom "Dritten
Reich" abzugrenzen und dadurch
wieder internationalen Führungsanspruch
in Politik und Wirtschaft zu rechtfertigen.
Nach dem Ende der Ära Kohl 1998
wurde der bisherige "Makel Auschwitz"
von der rot-grünen „Alt-68er“
Regierung nicht nur abgeschüttelt,
sondern vielmehr als ideologisches
Kapital in Wert gesetzt. Entgegen
der bisherigen Politik zum Umgang
mit dem Holocaust (1), die von Abwehr
und Relativierung gekennzeichnet war,
erkennt man heute Schuld explizit
an, leitet daraus als geläuterte
Nation einen Erfahrungsvorsprung und
besondere Demokratiefähigkeit
ab und löst Schuld im allgemeinen
anthropologischen Brei von Leid auf.
Die vermeintlich erfolgreiche "Aufarbeitung"
(2) der Vergangenheit wird zum nationalen
Identitätsgenerator. Wenn heute
Kriege geführt werden, dann eben
gerade weil man aus der Geschichte
gelernt haben will und sich seiner
Verantwortung bewusst ist. Es wird
nicht trotz, sondern wegen Auschwitz
gebombt. Heute setzt Deutschland seine
Interessen überall auf der Welt
auch militärisch durch, denkt
über internationale Eingreiftruppen
nach und treibt den Aufbau einer EU-Armee
voran. Wirtschaftlich, militärisch
und auch ideologisch spielt Deutschland
heute wieder “ganz oben”
mit.
Das Anerkennen der
deutschen Schuld und die Verantwortungsübernahme
für die Verbrechen des Nationalsozialismus
ermöglicht es Deutschland seit
Rot-Grün jedoch auch, verstärkt
auf den eigenen, vermeintlichen Opferstatus
hinzuweisen und somit eine Relativierung
der Shoah durch die Hintertür
zu erreichen. Der Nationalsozialismus
und dessen Auswirkungen werden so
zur europäischen Tragödie
umgedeutet, die in Deutschland wie
in Europa TäterInnen und Opfer
zugleich "hervorbrachte".
Mit Verweis auf die Bombenabwürfe
auf deutsche Städte oder die
"Vertreibung" Deutscher
aus Osteuropa wird Schuld europäisiert
und die Anerkennung der Singularität
der nationalsozialistischen Barbarei
verkommt zum bloßen Lippenbekenntnis.
Das Pogrom von Mannheim-Schönau
Nach dem Mauerfall
1989 sowie während und nach der
Fußball-Weltmeisterschaft der
Männer ein Jahr später fand
die ideologische Neuformierung der
"Nation" ihren konkreten
Ausdruck in der Welle pogromartiger
Ausschreitungen gegen Flüchtlingsunterkünfte.
Wiedergespiegelt wurde sie in den
aufkommenden medialen Diskursen zur
faktischen Abschaffung des Asylrechts
und der Gesetzgebung zur vermeintlich
durch “Ausländer”
begangenen organisierten Kriminalität.
Die am meisten Aufsehen
erregenden Pogrome dieser Zeit in
Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen,
Mölln und Solingen sind bis heute
zumindest teilweise in Erinnerung
geblieben. Die zahllosen weiteren
Anschläge, insbesondere nach
der Asylgesetzänderung, fanden
dagegen kaum noch öffentliche
Beachtung. Ihr Zweck, diese zu legitimieren,
war hinfällig geworden. Empörung
über oder Ablehnung der rassistischen
Gewalt fand sich höchstens im
Zusammenhang mit der Sorge um das
Ansehen Deutschlands in der Welt.
Die Pogrome von Mannheim-Schönau
standen in einer Reihe mit diesen
rassistischen Gewalttaten. Jedoch
waren es in Mannheim – anders
als beispielsweise in Hoyerswerda
– nicht nur organisierte Nazis,
die die Angriffe auf Flüchtlinge
initiierten. Erstmals nach 1945 gingen
Ausschreitungen von „ganz gewöhnlichen
Deutschen“ aus, die „ihren“
Stadtteil mit Gewalt gegen jene Menschen
„verteidigen“ wollten,
die sie als außerhalb ihrer
wieder entdeckten nationalen Gemeinschaft
halluzinierten.
In der Nacht zum
26. Mai 1992 rottete sich der Schönauer
Mob zum ersten Mal vor der AsylbewerberInnenunterkunft
in der ehemaligen Gendarmeriekaserne
zusammen. Das Gerücht, einer
der Bewohner habe eine junge Frau
vergewaltigt, lieferte den Vorwand
zur offenen Aggression. Proteste gegen
die Einrichtung der Unterkunft hatte
es in Form offener Briefe bereits
vorher gegeben. Das Vergewaltigungsgerücht
und die Reaktion darauf waren die
Selbsterfüllung der Prophezeiung,
eine solche Unterkunft mache nur Ärger.
Etwa 150 zum Teil bewaffnete Personen
pöbelten vor der Unterkunft,
um den vermeintlichen Vergewaltiger
zu stellen. Bemerkenswert ist die
plötzliche Vehemenz, mit der
sich ein Mob deutscher Männer
für die Belange einer vergewaltigten
Frau einsetzte; ein ansonsten in der
patriarchalen Mehrheitsgesellschaft
selten zu beobachtendes Phänomen.
Offensichtlich ging es nicht um den
Schutz der Frau vor sexualisierter,
männlicher Gewalt, sondern um
den Schutz einer „Deutschen“
vor einem „Asylanten“.
Das Gerücht wurde öffentlich
dementiert, als Täter wurde der
Lebensgefährte der Frau ermittelt.
Der Angst vor dem vermeintlichen kriminellen
Potential der jungen Männer aus
der Unterkunft allerdings zollte man
mit dem Versprechen Tribut, zukünftig
mehr Familien mit Kindern einzuquartieren.
Diese Reproduktion des Vorurteils
seitens der Stadtverantwortlichen
bedeutete eine indirekte Solidarisierung
mit dem deutschen Mob, der seinen
Stadtteil mit der Vertreibung der
Asylsuchenden, auch mit Gewalt, vor
„Verfall“ retten wollte.
Nach einem Vatertagsfest
am 28. Mai 1992 versammelten sich
die SchönauerInnen erneut vor
dem Kasernengebäude. Diesmal
kamen zeitweise 400 Personen dort
zusammen, die rassistische Parolen
skandierten und Fensterscheiben der
Unterkunft einwarfen. Der damalige
Oberbürgermeister Gerhard Widder
trat beschwichtigend und verständnisvoll
mit der rassistischen Menge in Dialog.
In einem Brief an die „lieben
Mitbürgerinnen und Mitbürger
auf der Schönau“ zeigte
Widder Verständnis für deren
Situation und kündigte verstärkte
Sicherheitsmaßnahmen an: Maßnahmen,
welche die Sicherheit der SchönauerInnen
vor den AsylbewerberInnen garantieren
sollten. Bis zum 2. Juni 1992 nahmen
die Belagerungen vor der Gendarmeriekaserne
kein Ende. Von der Polizei mehr oder
weniger unbehelligt, konnte immer
wieder Gewalt von der Menge ausgehen.
Von den Medien und
der Polizei wurden diese Zustände
heruntergespielt. Die politische Brisanz
wurde den Geschehnissen fast gänzlich
abgesprochen. Zur Erklärung und
Rechtfertigung der Ausschreitungen
wurde die Trunkenheit der AngreiferInnen
genannt, im Zuge derer es üblicherweise
zu gewaltsamen Konfliktlösungsstrategien
käme. Anlass zur Eskalation sollten
die BewohnerInnen der Sammelunterkunft
durch Provokation selbst geliefert
haben. Dieses Erklärungsmuster
leugnete die rassistische Motivation
der Ausschreitungen und den Zusammenhang
mit den Geschehnissen in Hoyerswerda
und anderswo. Insbesondere die lokale
Tageszeitung Mannheimer Morgen glänzte
dabei durch politische Blindheit und
Desinteresse, die Ausschreitungen
als Ausdruck einer rassistischen Stimmungslage
in der Bevölkerung anzuerkennen.
Mittlerweile hatten
antifaschistische und antirassistische
Gruppen versucht, Widerstand gegen
die rassistische Gewalt zu organisieren
und Solidarität mit den BewohnerInnen
der Unterkunft zu zeigen. Es kam zu
Auseinandersetzungen mit SchönauerInnen
und der Polizei. Antifas wurden von
der Polizei weit weniger nachsichtig
behandelt als die rassistischen RandaliererInnen.
Damit war der eigentliche Gefahrenfaktor
gefunden: Besonders den so genannten
„auswärtigen“ (Mannheimer
Morgen) Antifa-Gruppen wurde von Stadt,
Polizei und Presse sinnlose Gewaltbereitschaft
unterstellt. Sie galten als eine Bedrohung
für die Stadt, welche es wiederum
repressiv abzuwenden gelte.
Geplante antirassistische
Demos wurden vorab verboten. Dennoch
versammelten sich am 06. Juni 300-400
Personen zu einer Demonstration in
der Mannheimer Innenstadt. Die Versammlung
wurde von Einsatzkräften der
Polizei gewaltsam aufgelöst.
Der Mannheimer Morgen faselte von
„gewaltbereiten linken Chaoten“,
die aus dem gesamten Bundesgebiet
gekommen wären, um die Stadt
zu zerstören. Das halluzinierte
Szenario sollte den brutalen Polizeieinsatz
in der Öffentlichkeit rechtfertigen.
Dem Treiben des rassistischen Volksmobs
wurde von offizieller Seite letztlich
also nicht mit einer politischen Auseinandersetzung
im Sinne einer Solidarisierung mit
den Asylsuchenden begegnet, sondern
in Form polizeilichen Eingreifens
gegen AntirassistInnen. (3)
Die Welle der Pogrome,
für die Mannheim-Schönau
exemplarisch steht, ist der sichtbare
Teil einer Entwicklung, für die
der 3. Oktober das Symbol darstellt.
Der Tag der „Wiedervereinigung“
bedeutete in zweifacher Hinsicht eine
Zäsur: Zum einen steht er für
die Wiedererlangung voller nationaler
Souveränität, zum anderen
für das Ende der „Systemkonkurrenz“
und den vermeintlichen Sieg des Kapitalismus.
Fluchtpunkt der Prozesse
Anfang der 1990er Jahre war die nationale
Vereinigung einer kapitalistischen
Gesellschaft; eine Entwicklung, die
insbesondere dazu diente, die sozialen
Verwerfungen, die die sozioökonomische
Umwälzung mit sich brachte, aufzufangen
und die Wiedererlangung einer deutschen
Vormachtstellung zunächst in
Europa durch das Abstreifen letzter
Restriktionen und halluzinierter Hindernisse,
insbesondere des Asylrechts, vorzubereiten.
Die Niederlage des so genannten „real
existierenden Sozialismus“ führte
zum globalen Triumphzug des kapitalistischen
Modells und besiegelte dessen scheinbare
Alternativlosigkeit. Radikale Kritik,
die in aktuellen sozialen Kämpfen
auf's Ganze geht und eine gesellschaftliche
Verfasstheit jenseits von Staat, Nation
und Kapital fordert, ist im öffentlichen
Diskurs kaum mehr wahrnehmbar. Reformistische
Forderungen werden meist zu recht
als unrealistisch abgetan. Daher gilt
es gerade am 3. Oktober gegen das
"Ende der Geschichte“ zu
protestieren und auf eine vernünftige
Einrichtung der Welt im Sinne einer
Assoziation freier Individuen fernab
von Nation und Kapital zu bestehen.
Kapitalismus, Klasse
und Staat
Kapitalistische Gesellschaften
konstituieren sich stets durch Privateigentum
an den Produktionsmitteln, durch Lohnarbeit,
Privatproduktion und Konkurrenz. Die
BesitzerInnen der Produktionsmittel,
die KapitalistInnen, produzieren Waren,
um diese verkaufen zu können.
Ein Großteil der Menschen ist
lohnabhängig, verfügt also
über keine Produktionsmittel
und ist somit gezwungen seine Arbeitskraft
zu verkaufen, um sein Überleben
sichern zu können. Der Kapitalist
kauft Arbeitskraft von den Lohnabhängigen,
um produzieren zu können, er
stellt die zur Produktion nötigen
Mittel zur Verfügung und versucht
einen Wert zu schaffen, der über
dem Preis der Arbeitskraft und der
Herstellungskosten liegt, den so genannten
Mehrwert. Nach dem Verkauf dieser
Waren, also dem Tausch in Geld, erhält
der Kapitalist seinen Profit. Diesen
kann er aber nur in begrenztem Maße
in persönlichen Konsum fließen
lassen, da er stets in Konkurrenz
mit anderen KapitalistInnen steht
und einen Großteil des Profits
in neue Maschinen, Rohstoffe und weiterhin
in Arbeitskräfte investieren
muss, um im Konkurrenzkampf nicht
unterzugehen. Das Erwirtschaftete
fließt so zu großen Teilen
stets wieder in die Produktion zurück,
wodurch der nicht endende Kreislauf
der Kapitalakkumulation entsteht.
Die Kapitalakkumulation wird somit
zum Selbstzweck. Die kapitalistische
Produktion richtet sich an keinem
vernünftigen Zweck aus, nämlich
ein gutes Leben für alle zu ermöglichen.
Hier muss ansetzen, wer erkennen will,
warum noch immer massenweise Menschen
trotz des gigantischen globalen Reichtums
an Hunger oder unzureichender medizinischer
Versorgung sterben. Es ist nicht der
Verdienst einzelner "bösartiger"
KapitalistInnen, die sich besonders
gierig und unsozial verhalten, sondern
der normale Gang des Kapitalismus.
Kapitalistische Gesellschaften
sind strukturell immer auch in Klassen
gespaltene Gesellschaften. Die jeweilige
Zugehörigkeit bestimmt sich durch
die Position im Produktionsprozess.
Auf der einen Seite stehen also die,
die über Kapital verfügen
und die Ausbeutung (4) der Arbeitskraft
organisieren und auf der anderen Seite
jene, die gezwungen sind, ihre Arbeitskraft
zu verkaufen. In Kämpfen zwischen
den Klassen, beispielsweise um die
Länge des Arbeitstages, die Arbeitsbedingungen
und die Bezahlung der Arbeitskraft,
entscheidet, da der Staat gleiches
Recht garantiert, die Gewalt, also
die Durchsetzungsfähigkeit der
jeweiligen Seite. Da das Kapital zwecks
Profitmaximierung und getrieben vom
„Stachel der Konkurrenz“
(Marx) stets probieren wird, die Löhne
möglichst gering zu halten und
die ArbeiterInnen stets probieren
werden, möglichst hohe Ansprüche
durchzusetzen, sind kapitalistische
Gesellschaften auch immer konflikthafte
Gesellschaften.
Oftmals wird der
Staat als der unparteiische Dritte,
oder als eine der Gesellschaft gegenüberstehende
neutrale Instanz angesehen. Das ist
allerdings nicht mal die halbe Wahrheit:
Zum einen dient der Staat dazu, gesellschaftliche
Konflikte in politisch regulierte
beziehungsweise regulierbare Bahnen
zu lenken, also das Feld zu bereiten,
auf dem Konflikte innerhalb festgesetzter
Spielregeln ausgetragen werden können.
Zum anderen kommt dem Staat die Aufgabe
zu, durch die Ausübung seines
Gewaltmonopols zu gewährleisten,
dass sich die Mitglieder der Gesellschaft
als Privateigentümer zueinander
verhalten. Entscheidend dafür
ist die Gewährleistung von Privatbesitz
und bürgerlichen Rechten, also
der Schutz von Besitz und Rechten.
Hier behandelt der Staat (im Gegensatz
zu feudalistischen Gesellschaften)
im bürgerlichen Sinne tatsächlich
„alle gleich“, ob nun
LohnabhängigeR oder KapitalistIn.
In kapitalistischen Gesellschaften
fallen politische und ökonomische
Herrschaft auseinander, woraus folgt,
dass zwar weiterhin ein Zwang zur
Arbeit besteht, das konkrete Arbeitsverhältnis
allerdings „freiwillig“
eingegangen wird, sich also die Abhängigkeit
von einem bestimmten Feudalherren
im allgemeinen Zwang, seine Arbeitskraft
an irgendeineN KapitalistIn zu verkaufen,
auflöst. Der Lohnabhängige
ist in diesem Sinne ein „doppelt
freier Arbeiter“ (Marx). Zum
einen frei, Verträge zu schließen,
aber auch frei von Produktionsmitteln,
was den Zwang mit sich bringt, seine
Arbeitskraft zu verkaufen. Durch den
Schutz des Privateigentums vor Vergesellschaftung
wird für einen Großteil
der Menschen der Zwang erzeugt, seine
Arbeitskraft zu verkaufen.
Der Staat agiert
als "ideeller Gesamtkapitalist“
(Engels) und bringt die widerstreitenden
Interessen der einzelnen Kapitale,
deren Verhältnis zueinander durch
Konkurrenz bestimmt ist, auf einen
Nenner. Dabei sorgt sich der Staat
um die Optimierung der Möglichkeiten
zur Kapitalakkumulation. Hierfür
bestehen für den Staat zwei strukturelle
Gründe. Zum einen die Abhängigkeit
von Steuereinnahmen, um seinen Apparat
zu finanzieren und Handlungsfähigkeit
zu bewahren, zum anderen die Konkurrenz
zwischen den Staaten, die sich als
Standorte gegenüberstehen. Die
Besonderung des Staates gegenüber
den einzelnen Kapitalen und den als
Rechtssubjekte individualisierten
StaatsbürgerInnen ist es, die
den Schein des Neutralen aufrechterhält.
Nur so ist es möglich, über
Klassengegensatz und Konkurrenz hinweg,
eine umfassende Politik des Kapitals
durchzusetzen.
Die Nation und der
Standort
Diese Aufgaben kann
der kapitalistische Staat am effektivsten
erfüllen, wenn und insofern er
sich als Nationalstaat konstituiert.
Dabei bezieht er sich neben einem
beanspruchten Territorium auf ein
durch vermeintlich naturgegebene,
tatsächlich aber sozial konstruierte
und geschichtlich homogenisierte Gemeinsamkeiten
bestimmtes „Volk“.
Während Menschen
durch das Kapitalverhältnis in
antagonistische Klassen und Gruppen
gespalten und durch den Staat als
Marktindividuen und Rechtssubjekte
vereinzelt werden, ist es die Nation,
die die Widersprüche zu glätten
und einzuebnen sucht. Sie ist der
Kitt, der das Auseinanderreißen
der Gesellschaft durch soziale Gegensätze
verhindert und identitätsstiftend
wirkt. Im nationalen Brei sind alle,
ob nun Bonze oder Hartz-IV-EmpfängerIn,
ob ArbeiterIn oder KapitalistIn gleichermaßen
Deutsche. Die nationale Identität
gründet sich stets auch auf die
Bestimmung des Anderen, Nicht-Dazugehörigen.
Somit ist Nation, gleich ob bunt,
pazifistisch oder modern, ohne Ausschluss,
Diskriminierung und Rassismus nicht
zu haben; denn wie der Patriot den
„Vaterlandsverräter“,
braucht der Deutsche den Ausländer.
Aus der Konstruktion des Gemeinsamen,
die in Deutschland ganz besonders
ekelhaft durch die Ideologie von Blut
und Boden geschieht, wird es möglich,
ein allgemeines klassenübergreifendes
Interesse zu suggerieren. Dieses Allgemeininteresse
ist es, an dem sich zu orientieren
gefordert wird. So ist es möglich,
von Menschen wie Gruppen zu erwarten,
ihre jeweiligen Interessen am Allgemeinwohl
auszurichten, da ja alle im selben
Boot sitzen. War es früher die
Pflichterfüllung im Krieg fürs
Vaterland, ist es heute das Engerschnallen
des Gürtels für den Standort,
dem es im globalen Wettbewerb beizustehen
gilt. Dem Standort soll es gut gehen,
damit es allen gut geht, lautet die
Losung, denn nur wenn dieser für
den Kapitalmarkt attraktiv genug ist,
lassen sich Arbeitsplätze erhalten
und neue schaffen und so die Leben
aller – die es verdienen –
verbessern. Mit dem Wohl des Standortes
finden Sozialabbau, Lohnsenkungen,
Studiengebühren und der Abbau
von Bürgerrechten ihre ideologische
Legitimation. Bleibt der gewünschte
Erfolg aus, wird dies mit Verweis
auf mangelnde Konsequenz in der Umsetzung
erklärt und die Spirale weiter
nach unten gedreht.
Hieran zeigt sich auch der Unsinn
der Versuche aus der „reformistischen
Linken“, die besseren oder sozialeren
Vorschläge für das Wohl
des Standorts zu machen und an Sozialpartnerschaft
und Sozialstaat festzuhalten. Aufgabe
der Radikalen Linken kann es nicht
sein, sich den Kopf des Kapitals zu
zerbrechen, sondern die Abschaffung
des Kapitalismus voranzutreiben und
sich nicht von der Nation dumm machen
zu lassen, sondern jeder Sinnstiftung
durch Volk, Nation und Standort eine
klare Absage zu erteilen.
Bleibt die Frage:
Warum ist ausgerechnet der 3. Oktober
als spezifisch deutsches Symbol nationalstaatlich-kapitalistischer
Vergesellschaftung unser Angriffspunkt,
warum gilt es, gerade Deutschland
als Sonderfall herauszustellen und
anzugreifen? Anders ausgedrückt:
Warum wird namentlich in Deutschland
ekelhaft, was überall widerwärtig
ist? Es gilt als Radikale Linke hierzulande,
die spezifische Geschichte deutscher
Nationwerdung und ihre strukturelle
Besonderheit zu analysieren.
Entstanden aus der
Delegitimierung der Feudalherrschaft
und des ancien regime im Zuge der
Veränderung der vorrangigen Produktionsweise
und den sich damit verändernden
Machtverhältnissen zwischen den
Menschen, entwickelten sich aus der
Aufklärung und mit dem entstandenen
Bürgertum neu legitimierte Herrschaftsformen.
Entsprechend seines Einflusses auf
Politik und wirtschaftlicher Entwicklung
forderte das Bürgertum seine
Beteiligung an Macht und Herrschaft
und eine gewisse vertraglich (also
konstitutionell) festgelegte Freiheit.
Diese bürgerliche Freiheit entließ
die Menschen aus direkten persönlichen
Abhängigkeitsverhältnissen
und schuf neue, verschleierte und
effektivere.
Auch wenn diese Entwicklung
überall durch scheinbar gleiche
Ideologien gestützt wurde, konstituierte
sich die deutsche Nation im Vergleich
mit anderen auf eine Weise, die in
letzter Konsequenz einen Unterschied
um’s Ganze ausmachte –
den Unterschied zwischen Barbarei
und Verteidigung der bürgerlichen
Werte der Aufklärung. Die dialektische
Besonderheit liegt in der Tatsache,
dass der Zustand der Barbarei in der
Idee der Nation zwar immer schon angelegt
ist und dennoch nur in der historischen
Sonderform der deutschen Entwicklung
dieser Idee ihren Ausdruck finden
konnte. Es gilt also, die Nation als
Idee und Verhältnis zu delegitimieren,
und damit bei ihrer ekelhaftesten
Ausdrucksweise zu beginnen –
namentlich der deutschen.
Eroberte und verteidigte
nämlich in Frankreich, England
und den USA das Bürgertum in
revolutionären Kämpfen seine
politische Macht unter dem Banner
der Menschen- und Bürgerrechte,
so entwickelte es sich in Deutschland
als Nationalbourgeoisie, mehr oder
weniger abhängig von der Gnade
der feudalen Autorität. Dabei
wurden eben diese Menschen- und Bürgerrechte
eingetauscht für die obrigkeitsstaatliche
Protektion der nationalen ökonomischen
Interessen. Zwar vergaß die
einmal zur Macht gekommene Bourgeoisie
auch in den revolutionären Nationen
ihre freiheitlichen Forderungen oft
allzuschnell; nunmehr als Idee in
der Welt konnten sie aber von anderen
Gruppen, z.B. der Arbeiterbewegung,
aufgegriffen und eingefordert oder
gegen die neuen Herrscher gewendet
werden.
Diese liberale Tradition
ist in Deutschland nicht zu finden.
Entsprechend reaktionär und antirevolutionär
verlief dann auch die Einigung der
vielen deutschen Kleinstaaten, die
im Zuge der Entwicklung eines kapitalistischen
Marktes und der Expansionsinteressen
der deutschen Bourgeoisie unumgänglich
geworden war. Eine starke konservative
Bewegung, dem feudalen Ständesystem
verhaftet und entschlossen, alte Werte
und Ideale gegen die “unmoralischen”
und “zersetzenden” der
Moderne zu verteidigen und zu erhalten,
bestimmte den Prozess der Reichsgründung
1871. Diese konservativen und nationalliberalen
Kreise konstruierten die deutsche
(Bluts-)Nation. Diskurse wie der Antisemitismusstreit
zwischen Treitschke und Mommsen, die
Entstehung der Turnerschaften und
Studentenverbindungen und mit ihnen
der Beginn der Völkischen Bewegung
bestimmten das Bild der entstehenden
deutschen Nation. Die Berufung auf
eine angebliche Abstammung der „Deutschen“
von den Germanen und Hermann dem Cherusker,
die antisemitische, antimoderne und
antislawische Identitätskonstruktion
und die Schwäche fortschrittlicher
liberaler Gedanken war ihre Grundlage.
Beispielsweise nutzte die Regierung
Bismarcks antislawische und antisemitische
Proteste und wies 1885/86 35.000 PolInnen
und JüdInnen aus Deutschland
aus. Mit der Geltung des Blutrechts
und der Möglichkeit der Aberkennung
der Staatsbürgerschaft war die
Ausgrenzung oder Ausweisung von Gruppen
oder Personen einfach möglich.
Vor allem auch gegen die schon seit
dem 15. Jahrhundert in Deutschland
lebenden Sinti und gegen die einwandernden
Roma richtete sich der Rassismus der
damaligen Zeit. Hier wurde erstmals
angewandt, was später unter den
Nazis die bestimmende Vorgehensweise
wurde. Die „physiognomische“
Bestimmung einer „menschlichen
Rasse“. Die deutsche Nation
ist nicht rational vertragstheoretisch
legitimiert, von einer „freiwilligen“
Unterordnung unter einen allgemeingültigen,
von mündigen Subjekten ausgehandelten
Gesellschaftsvertrag, deren Handeln
die Nation erst hervorbringt, kann
hier keine Rede sein. Ist die französische
Staatsbürgerschaft legitimiert
über das Leben auf französischem
Staatsgebiet und die Anerkennung der
aus diesem Vertrag hervorgehenden
Rechte und Pflichten der StaatsbürgerInnen,
so ist in Deutschland die Abstammung
die relevante Kategorie. Damit konstituierte
sich der moderne Verfassungsstaat
in Deutschland aus den exklusiven
Mitgliedern der „Volksgemeinschaft“,
die im nächsten Schritt zur „Herrenrasse“
erhoben wurde.
„Wo andere
die universellen Menschenrechte und
die bürgerlichen Freiheiten zu
den Leitbildern der Moderne erhoben,
turnten die Deutschen unter der Anleitung
von Friedrich Ludwig Jahn um ihre
Volkseiche.“ (5).
Eben diese, für
die deutsche Nation grundlegende Konstruktion
von angeblich "natürlichem"
und "verwurzeltem" Guten
gegenüber losem, kalten und unbeständigen
Schlechten, ist ein Kontinuum, welches
in den unterschiedlichsten Ausdrücken
immer wieder erscheint.
Die Geschichte der
deutschen Nation birgt keine Anknüpfungspunkte
für gesellschaftliche Emanzipation.
Nur die radikale Negation dieser deutschen
Zustände eröffnet eine Perspektive
für die Bestimmung vernünftiger
Zwecke.
Eine Emanzipation des Individuums
kann nur gegen Nation und Kapital
gedacht werden.
Darum: Heraus gegen
den 3. Oktober!
Kein Frieden mit
Deutschland!
Für die soziale Revolution!
AK
Antifa Mannheim im August 2007
(1)
Des problematischen Umgangs mit der
Bedeutung des Begriffes "Holocaust"
sind wir uns bewusst. Wir verwenden
ihn hier dennoch, da er uns als geeignet
erscheint, alle Opfergruppen des Nationalsozialismus
mit einzubeziehen.
(2)
Eine Auseinandersetzung mit dem Begriff
findet sich in: Adorno, Theodor W.:
Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit?
In: Ders.: Gesammelte Schriften. Bd.
10.2. Frankfurt 1977. S.555-572.
(3)
Eine ausführliche Dokumentation
des Schönauer Pogroms findet
sich in der Broschüre „Schönau
nicht vergessen“, bei uns zu
bestellen unter: akantifa@juz-mannheim.de
(4)
Unter "Ausbeutung" werden
hier nicht besonders niedrige Löhne
oder die Versklavung der Arbeitenden
verstanden, sondern, im Marxschen
Sinne, der Sachverhalt, dass die ProduzentInnen
lediglich einen Teil des von ihnen
produzierten Wertes als Lohn erhalten.
(5)
Aly, Götz: Rasse und Klasse.
Nachforschungen zum deutschen Wesen.
Fischer, Frankfurt am Main, 2003.
S.10 |
Wider
das deutsche Geschichtsverständnis
oder: Wie sich die Vergangenheit zurecht
biegen lässt
Nach der Niederlage
Deutschlands im Zweiten Weltkrieg
fand neben dem politisch-organisatorischen
Wiederaufbau eine nation-identitäre
Neukonzeption statt. Die Rechtsnachfolgerin
des „Dritten Reichs“ war
hierzu gezwungen, sich mit dem Nationalsozialismus
auseinanderzusetzen. Die Opfer und
Kriegsgegner forderten die Bestrafung
der Nazi-Täter ein, bevor Deutschland
wieder in die internationale Gemeinschaft
aufgenommen würde. Um dem zu
genügen, gab es zwar Entschädigungsgesetze,
eine Strafverfolgung durch die deutsche
Justiz fand jedoch kaum statt.
Die Schuld trugen in der Sicht der
Deutschen die hohen Nazi-Funktionäre
alleine, wohingegen sich die Masse
der Täter sich als unwissend
darstellte oder sich auf Befehlsnotstand
berief. Die Nazi-Verbrechen erschienen
als Unheil, das einige wenige Nazis
über Deutschland gebracht hatten,
während die Deutschen sich selbst
als deren ersten Opfer präsentierten.
So wurde eine objektive Strukturanalyse
zwar möglich, aber subjektive
Schuldbekenntnis blieb zunächst
aus. Eine konsequente Aufarbeitung
wurde durch Verdrängen, Leugnen
und Relativieren ersetzt. Erst seit
Goldhagens Buch „Hitlers willige
Vollstrecker“ (1996) gibt es
Ansätze einer Täterforschung,
die sich mit den Verbrechen der „ganz
normalen Deutschen“ im Nationalsozialismus
beschäftigt.
Schon zu Beginn der
50er Jahre wird von Seiten der Täter
auf das Ende der Nachkriegszeit und
auf eine angebliche Normalisierung
der deutschen Nation hingewiesen.
In Abgrenzung zum nationalsozialistischen
Deutschland, wird auf die Rechtsstaatlichkeit
der BRD und die gezogenen Konsequenzen
im politischen Ordnungssystem verwiesen.
Es werden die Einbindung in die westlichen
Bündnisse und demokratische Traditionen
wie die Revolution von 1848 bemüht.
Erste Brüche in der Vergessen-
und Verdrängen-Politik der Deutschen
lassen sich in den 60er-Jahren erkennen,
zunächst in der Debatte um die
Verjährung der nAziverbrechen.
Es werden Aufforderungen der jüngeren
Generation an ihre Eltern laut, ihre
Vergangenheit offenzulegen. Zudem
fanden erstmals auch vor deutschen
Gerichten größere Prozesse
gegen Naziverbrecher statt, wie 1968
der Frankfurter Auschwitz-Prozess
(http://www.fritz-bauer-institut.de/auschwitz-prozess/digitale-edition.htm).
Nachdem die antiautoritäre Linke
Ende der 60er-Jahre die Kontinuitäten
zwischen NS-Staat und BRD angegriffen
hatte, ergaben aber auch sie sich
größtenteils in Faschismustheorien,
die die Beteiligung der Mehrheit der
Deutschen leugnete oder relativierte.
Ein neuer „unverkrampfter“
Umgang mit dem Nationalsozialismus
ist in haltlosen Vergleichen mit Kriegen,
Staaten und Politiken anderer Regierungen
auf der ganzen Welt zu sehen.
Kontinuitäten sind aber nicht
nur in personellen Überschneidungen
unübersehbar. Die spezifische
deutsche Identität, die Definition
des „Deutschen“ über
gemeinsames Blut ist nicht mit dem
Ende der nationalsozialistischen Herrschaft
erreicht. Auch im Selbstverständnis
der BRD als bürgerlicher Nationalstaat
ergibt sich die Notwendigkeit eines
positiven Bezugs auf die Nation. Dies
geschieht beispielsweise über
Begriffe wie die „formierte
Gesellschaft“ (Ludwig Erhard),
die ideologisch an die „Volksgemeinschaft“
der Nazis erinnert.
„Geistig-moralische
Wende“...
Für das aktuelle deutsche Geschichtsverständnis
prägend sind die Debatten seit
den 1980er-Jahren. Sie waren von einem
konservativen Rollback gekennzeichnet,
im Zuge dessen eine positive Identifikation
mit der Nation und ein positiver Bezug
auf die deutsche Geschichte trotz
der nationalsozialistischen Vergangenheit
forciert wurde. Beispielhaft lassen
sich hier die Bemühungen um die
Etablierung eines „Hauses der
Geschichte“ in Bonn, sowie des
„Deutschen Historischen Museums“
in Berlin nennen1. Mit der Betonung
einer vermeintlich langen Nationalgeschichte,
die nicht nur die Shoah, sondern auch
viel Positives zu bieten habe, sollte
das deutsche Selbstbewusstsein neue
Triebkraft entfalten. Der Nationalsozialismus
wurde als „schwarzer Fleck“
in der deutschen Geschichte betrachtet
wie ihn auch andere Staaten hätten.
Nach so vielen Jahren wollte man davon
nichts mehr wissen. In Zeiten der
Systemkonkurrenz war es beabsichtigt,
die Aufmerksamkeit auf die Sowjetunion
zu lenken und im Moment der Erwähnung
des Holocaust die Brutalität
der Roten Armee im 2. Weltkrieg zu
betonen, die nichts anderes gewesen
sei als die der Nazis. Damit stilisierte
man den deutschen Vernichtungskrieg
in Osteuropa zur bloßen Abwehrschlacht
und machte gleichzeitig die Deutschen
zu ebenbürtigen Opfern eines
„europäischen Bürgerkriegs.“2
Einen Höhepunkt in Sachen Relativierung
stellte zweifelsohne der „Bitburgbesuch“
1985 dar. Zu den Gedenkfeierlichkeiten
anlässlich des 40. Jahrestages
der bedingungslosen Kapitulation des
nationalsozialistischen Deutschlands
lud die deutsche Bundesregierung unter
Kanzler Kohl den amerikanischen Präsidenten
Ronald Reagan ein, als Symbol der
Versöhnung neben der Gedenkstätte
des ehemaligen KZ Bergen-Belsen, gemeinsam
auch den Soldatenfriedhof in Bitburg
zu besuchen und den Opfern des zweiten
Weltkrieges zu gedenken. Die Tatsache,
dass auf diesem Friedhof auch gefallene
SS-Angehörige begraben liegen,
störte zunächst niemanden,
sondern wurde erst nach internationalem
Protest zum Anstoß einer Debatte.
Dass der Besuch dennoch stattfand,
ist bezeichnend für das Geschichtsbewusstsein
der 1980er Jahre. Oder, mit den Worten
Habermas`: „Die Aura des Soldatenfriedhofs
sollte nationales Sentiment und dadurch
>>Geschichtsbewußtsein<<
wecken; das Nebeneinander der Leichenhügel
im KZ und der SS-Gräber auf dem
Ehrenfriedhof, morgens Bergen-Belsen
und nachmittags Bitburg, bestritt
implizit den NS-Verbrechern ihre Singularität;
und der Händedruck der Veteranengeneräle
in Gegenwart des amerikanischen Präsidenten
war schließlich eine Bestätigung
dafür, daß wir im Kampf
gegen den Bolschewismus immer schon
auf der richtigen Seite gestanden
haben.“3
Renationalisierung
1989/90
Scheiterten die Versuche, Deutschland
ein „normales“ Selbstbewusstsein
zu bescheinigen in den 1980er Jahren
noch weitgehend, änderte sich
die nationale Bewusstseinslage, und
die Rezeption des Nationalsozialismus
nach den Umbrüchen der Jahre
1989/90. Im Zuge des Vereinigung der
beiden deutschen Staaten und dem Niedergang
des „real existierenden Sozialismus“
in Osteuropa, beherrschte ein nationaler
Taumel das Tagesgeschehen in Gesellschaft,
Politik, Wirtschaft und Publizistik.
Erst die „Wiedervereinigung“
ermöglichte eine Rückbesinnung
auf die „Nation“, welche
zwar in den 80er Jahren schon vorhanden,
jedoch durch die Blockkonfrontation
erheblich gehemmt gewesen war. Das
Ende der seit 1945 bestehenden Ordnung,
häufig auch als Ende der Geschichte
bezeichnet, wurde schließlich
als Chance verstanden, sich als rehabilitierte
Nation endgültig vom Dritten
Reich abzugrenzen und dadurch wieder
einen internationalen Führungsanspruch
in Politik und Wirtschaft zu rechtfertigen.
Somit konnten Einwände gegen
die Vereinigung von BRD und DDR, wie
sie beispielsweise von dem in den
USA lebenden Schriftsteller und Auschwitz-Überlebenden
Ellie Wiesel4 vorgebracht wurden,
nur als Einmischung in angeblich innerdeutsche
Angelegenheiten verstanden werden,
die Deutschland durch Verweis auf
seine faschistische Vergangenheit
in seiner Handlungsfähigkeit
beschränke und einen „normalen“
Patriotismus zu verunmöglichen
versuche5. Im Anschluss an die „Vereinigung“
wurde die Auseinandersetzung mit dem
Nationalsozialismus also vorerst verdrängt
und durch die Aufarbeitung der Geschichte
der DDR ersetzt, was alsbald in der
Gleichsetzung der beiden Systeme als
„die beiden deutschen Dikaturen“
mündete6.
Von Schuldabwehr
zu Schuldübernahme und zurück...
Die intensive Beschäftigung großer
Bevölkerungsteile mit dem Nationalsozialismus
Mitte der 1990er Jahre erscheint auf
den ersten Blick als ein Rückgang
des national-chauvinistischen „Wir-sind-wieder-wer“-Geplänkels
und als Ende der Schlussstrich-Mentalität.
Die Auseinandersetzung der deutschen
Bevölkerung mit dem Nationalsozialismus
war selten derart intensiv wie Mitte
der 1990er. Egal, ob die Debatten
um die „Wehrmachtsausstellung“
oder Daniel J. Goldhagens Buch „Hitlers
willige Vollstrecker – Ganz
gewöhnliche Deutsche und der
Holocaust“, die Tagebücher
Victor Klemperers, Spielbergs Film
„Schindlers Liste“ oder
Knopps durchaus zweifelhafte Dokumentationen,
Debatten um die Entschädigung
von ZwangsarbeiterInnen oder das Holocaust-Mahnmal:
ein Schlussstrich schien weit entfernt.
Dass dies allerdings nur die halbe
Wahrheit ist und Verantwortungsübernahme
für die deutsche Vergangenheit
nicht zwangsläufig einen Bruch
mit Deutschland bewirkt, zeigte sich
zur selben Zeit. Hierbei sind zweierlei
Tendenzen festzustellen: Zum einen,
die krampfhaften Versuche, gerade
jetzt, da man der Beschäftigung
mit der Vergangenheit überdrüssig
wurde, einen Schlussstrich zu ziehen
und die Auseinandersetzung mit der
Vergangenheit ad acta zu legen. Im
Verlauf der „Walser-Debatte“
wurde dies offensichtlich. Nur zur
Erinnerung: Walser hatte in seiner
Rede anlässlich der Verleihung
des Friedenspreises des deutschen
Buchhandels einen Schlussstrich gefordert,
das geplante Holocaust-Mahnmal als
„fußballfeldgroßen
Alptraum“ bezeichnet, von „Moralkeulen“
gefaselt und die Beschäftigung
mit dem NS als von „außen“
oktroyiert dargestellt. Unter „außen“
verstand er „maßgebliche
Intellektuelle“ und, so wurde
alsbald deutlich, Jüdinnen und
Juden, die nicht aufhörten, an
die „unvergängliche Schande“
(das Wort „Schuld“ kommt
Walser nicht in den Sinn) zu erinnern,
um den Deutschen „weh zu tun“.
Dass Walser damit das Bild der deutschen
Volks- und Schicksalsgemeinschaft,
auch dadurch, dass er altbekannte
Bilder der „Störenfriede“
der Nationsgemeinschaft, wieder aufleben
lässt und all jene, die sich
anmaßen, diese Gemeinschaft
anzugreifen, als Fremdlinge charakterisiert,
ist offensichtlich und zeigt die geistige
Haltung nicht nur Walsers. Im Verlauf
der Debatte, welche an nationalistischen
und antisemitischen Äußerungen
ihresgleichen sucht, stellte sich
einzig Ignatz Bubis öffentlich
gegen Walser; die Zahl seiner UnterstützerInnen
in Feuilletons, Leserbriefen und an
Stammtischen war hingegen beträchtlich
und zeigt, dass es sich nicht lediglich
um die Äußerungen eines
einzelnen verwirrten Spinners handelte,
sondern um die Ansichten und Einstellungen
breiter Bevölkerungsmassen.
Zum anderen, und diese „Strategie“
war und ist ungleich „erfolgreicher“,
wurde das nationale Selbstverständnis
gerade durch den Bezug auf den Nationalsozialismus
begründet. Mit der Regierungsübernahme
der rot-grünen Alt-68er wurde
der Holocaust zur negativen Staatsräson.
Zwar ist es zweifelsohne zu begrüßen,
wenn die Verbrechen Deutschlands nicht
länger verschwiegen oder geleugnet-,
sondern anerkannt und Verantwortungsübernahme
als Handlungsmaxime festgeschrieben
werden; jedoch ist es an Widerwärtigkeit
kaum zu überbieten, dadurch Nationalstolz
zu begründen. War vielleicht
anfangs noch unklar, was Schröder
meinte, als er postulierte: „Das
Deutschland, das wir repräsentieren,
wird unbefangen sein, in einem guten
Sinne vielleicht sogar deutscher [sic!]
sein“, wurde alsbald deutlich,
was darunter zu verstehen ist: Mit
Auschwitz lässt sich ideologisches
Kapital schlagen. Denn: Das politische
Selbstverständnis wird nicht
hauptsächlich durch das Bewusstsein
über die nationalsozialistische
Barbarei an sich begründet, sondern
vielmehr durch die selbstreferentielle
Gewissheit, Auschwitz erfolgreich
bewältigt zu haben. Weitergeführt
bedeutet dies: Durch den Bezug auf
die scheinbar gelungene „Vergangenheitsaufarbeitung“
Demokratiefähigkeit zu demonstrieren
und neuen Führungsanspruch im
internationalen Staatenensemble zu
rechtfertigen. Schließlich solle
man wieder „unbefangen stolz“
auf Deutschland sein können.
Da Deutsche aufgrund ihrer Geschichte
wohl am Besten wüssten, was Unrecht
ist und die notwendigen Lehren daraus
gezogen hätten, sei Deutschland
von besonderer Bedeutung, so das Paradoxon.
Erinnert sei nur an die Stimmungsmache
zur Rechtfertigung des Kosovo-Krieges,
der ein zweites Auschwitz verhindern
helfen solle. Mit anderen Worten:
„In diesem Krieg […] ist
Auschwitz […] nicht mehr die
Keule, die >>uns<< bedroht,
sondern die Waffe, mit der >>wir<<
uns frei machen, indem das unterschwellig
fortwirkende Schuldgefühl aggressiv
gegen das imaginierte Auschwitz des
Feindes ausagiert wird.“ (Matthias
Küntzel).
War der NS vor Rot-Grün stets
ein Störfaktor im nationalen
Selbstverständnis und in der
Forderung, Deutschland als Staat wie
jeden anderen zu betrachten, wird
dies nun ins Gegenteil gekehrt. Die
Anwesenheit eines deutschen Kanzlers
bei den Gedenkfeierlichkeiten anlässlich
des D-Day in der Normandie an Seite
der überlebenden Opfer des deutschen
Vernichtungswahns wäre vor 1998
undenkbar gewesen, 2004 gilt es als
legitimes Zeichen der Versöhnung,
das die Rahabilitierung Deutschlands
symbolisch abschloss. Also ein Schlussstrich
durch das Hintertürchen? - Nur
fast. Denn erst jetzt können
Themen angesprochen werden, die zuvor
allzu offensichtlich als Relativierung
des NS gegolten hätten. Deutsche
Opferdiskurse haben Hochkonjunktur.
„Die Deutschen“ (womit
in der Regel nichtjüdische Deutsche
gemeint sind) seien ebenso Opfer „der
Nazis“ gewesen und in ihr Unglück
gestürzt worden. Außerdem,
so das allgemeine Credo, müsse
nun auch endlich das Leid anerkannt
werden, das Deutschen zugefügt
wurde. Seien es die Bombardierungen
deutscher Städte, allen voran
Dresdens, oder die „Vertreibung“
der Deutschen aus den Sudetengebieten;
dem „Wir erkennen die deutsche
Schuld an“ folgt postwendend
ein „aber...“. Als sei
Auschwitz mit Dresden vergleichbar.
Neben diesen völlig verschiedenen
Dimensionen von Leid interessieren
auch historische Fakten7, sowie die
Tatsache, dass die gegen Deutschland
gerichteten Maßnahmen ohne den
nationalsozialistischen Vernichtungsfeldzug
durch Europa nie ergriffen worden
wären, in keinster Weise. Durch
Entkontextualisierung wird der Begriff
der Schuld europäisiert und der
Nationalsozialismus zur „europäischen
Tragödie“ erklärt,
in der Deutschland ebenso eine Opferrolle
für sich beansprucht. Diese „Anthropologisierung
von Leid“ (Dan Diner) setzt
Relativierungen der NS-Barbarei kaum
Grenzen und ermöglicht es Deutschland
letztlich doch noch, aus dem „Schatten
der Vergangenheit“ herauszutreten.
Dem gilt es für uns als Radikale
Linke weiterhin mit allen Mitteln
entgegenzuwirken.
Die Barbarei der nationalsozialistischen
Zustimmungsdiktatur ist mit nichts
zu vergleichen! Einen Schlussstrich
wird es nie geben.
Kein Frieden mit
Deutschland!!!
AK Antifa Mannheim
im August 2007
(1) Vgl. Sturm, Michael
(2007): Deutsche Ortsbestimmung. In:
Phase2. Nr.23
(2) Mittels dieses
Buchtitels reduzierte Ernst Nolte
die nationalsozialistischen Barbarei
auf einen Krieg zwischen zwei Ideologien,
wobei die Shoah für ihn keine
Rolle zu spielen scheint. Im sogenannten
Historikerstreit 1986 fand dies seine
Zuspitzung, als Nolte und Andere den
Stalinismus als verantwortlich für
den NS ausmachten.
(3) Habermas, Jürgen
(1987): Vom öffentlichen Gebrauch
der Historie. Das offizielle Selbstverständnis
der Bundesrepublik bricht auf. In:
Augstein et al.: „Historikerstreit“
- Die Dokumentation der Kontroverse
um die Einzigartigkeit der nationalsozialistischen
Judenvernichtung. München: Piper.
S.245
(4) Wiesel hatte
in einem Spiegel-Interview gesagt,
mit der Vereinigung werde der Versuch
unternommen, „die Erinnerung
hinter sich zu lassen“ mit dem
Ziel, „die Normalisierung Deutschlands,
nicht nur politisch, sondern auch
philosophisch und geschichtlich“
zu bewerkstelligen.
(5) Besonders der
Spiegel, allen voran Chefredakteur
Augstein, stellten mit derlei Argumentationen
ihren ungebrochenen Nationalismus
unter Beweis.
(6) Dass derlei Gleichsetzungen
heute zur Normalität gehören,
zeigt beispielsweise das sächsische
Gedenkstättengesetz von 2003
zur Errichtung einer „Stiftung
Sächsischer Gedenkstätten
zur Erinnerung an die Opfer politischer
Gewaltherrschaft“, worunter
gleichermaßen Nationalsozialismus
und DDR verstanden werden.
(7) Äußerst
wahrheitsresistent halten sich bspw.
die zahlreichen Mythen zur Bombardierung
Dresdens wie vermeintliche Tieffliegerangriffe
oder der Einsatz von Phosphorbomben.
Vgl.: Schubert, Gunnar: Die kollektive
Unschuld. Wie der Dresden-Schwindel
zum nationalen Opfermythos wurde.
Hamburg 2006: konkret.
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| Naziaktivitäten
am 3. Oktober – Rückblick
und Gegenstrategien
Ein kleiner
Rückblick...
Am 3. Oktober
2004 meldete der saarländische
Nazikader Dominik Kleer eine Demonstration
in Heppenheim an der Bergstraße
an. Es kamen gerade einmal 30 Nazis,
um gegen "Hartz IV" zu demonstrieren,
dafür aber etwa 600 GegendemonstrantInnen.
2005 fiel der 3. Oktober auf einen
Montag. Die Nazis vom "Aktionsbüro
Rhein-Neckar" organisierten unter
dem Label "Bürgerinitiative
für soziale Gerechtigkeit"
zwei Demonstrationen. Samstags im
pfälzischen Alzey unter dem Motto
"Stoppt die Ausplünderung
des Deutschen Volkes! - Wir sind nicht
das Sozialamt der Welt ", am
Sonntag in Lampertheim (bei Mannheim)
"Arbeitsplätze zuerst für
Deutsche - Kapitalismus und Globalisierung
stoppen ". Hier konnte deutlich
besser mobilisiert werden: knapp 100
Nazis in Alzey, 150 in Lampertheim.
Während in Alzey vergleichsweise
wenige Leute zu Gegenaktionen kamen
und die Polizei schon im Vorfeld massiv
gegen diese vorging, gelangen in Lampertheim
zahlreiche Anti-Nazi Proteste, von
Sitzblockaden über Demonstrationen
bis zu direkten Aktionen gegen Nazis.
Für diesen Erfolg war nicht zuletzt
ein Anti-Nazi-Bündnis verantwortlich,
das gemeinsam vorging und seinen Protest
nicht darauf beschränkte, den
"Tag der Deutschen Einheit"
vor der Vereinnahmung durch Nazis
zu schützen. Im nächsten
Jahr beteiligten sich Nazis aus der
Rhein-Neckar Region an einem Aufmarsch
in Hessen. Der Nazikader Marcel Wöll
aus Butzbach hatte in Kelkheim und
Königstein (Taunus) zwei Aurfmärsche
angemeldet, an denen sich etwa 70
Nazis beteiligten. Unter dem Motto
"Zukunft statt Globalisierung"
liefen sie größtenteils
ungestört ihre Route. Der antifaschistische
Protest war vor allem deshalb schwach,
weil die Nazis vorwiegend intern mobilisiert
hatten und ein bürgerliches Bündnis
kein Interesse an Aktionen gegen den
Naziaufmarsch hatte. Bundesweit gab
es in den letzten Jahren noch weitere
Aktionen von Nazis am 3. Oktober,
von denen es besonders die Leipziger
Aufmärsche in die Presse schafften.
Der Financier und Daueranmelder der
Kameradschaftsszene Christian Worch
marschierte alljährlich mit seinen
Kameraden Richtung Stadtteil Connewitz.
Stärker wurde aber vor allem
der antifaschistische Protest, der
durch massiven Widerstand die Aufmärsche
sogar verhindern konnte, einige Nazis
früher nach Hause schickte und
zuletzt mit einer Demonstration "Wer
Deutschland liebt, den können
wir nur hassen" sich klar vom
rechten bürgerlichen Konsens
distanzierte.
Inhalte der
Nazis
Die Mottos
der Aufmärsche lassen es unschwer
erkennen: Bei den Nazis dreht sich
alles um die "soziale Frage",
so auch am 3. Oktober. Als vermeintliches
Erfolgsrezept wird über Hartz
IV, Kapitalismus und Globalisierung
geschimpft. Sie wollen einen "Nationalen
Sozialismus" als Alternative
zum System der Bundesrebublik. Das
gleiche wie schon 1933. Dass dies
gerade auch am 3. Oktober von Nazis
propagiert wird, passt zwar in ihr
Konzept, ist aber keinesfalls eine
Besonderheit des Datums. Ob 1. Mai
oder ein beliebiges anderes Datum,
das soziale Thema bestimmt seit Jahren
die inhaltliche Ausrichtung der rechtsextremen
Propaganda in Deutschland. In diesem
Punkt sind sich NPD und Kameradschaften
einig. Ein kurzes Statement zum "Tag
der deutschen Einheit" können
wir am Rande einer Meldung des "Aktionsbüro
Rhein-Neckar" zur Demo in Lampertheim
finden: "An der Spitze unseres
Zuges wehten die Fahnen des Reiches
und der ostdeutschen Länder,
hier sollte auch ein Zeichen gegen
den morgigen Tag der Deutschen (Teil-)Wiedervereinigung
gesetzt werden und den heuchlerischen
Entschluss auf 1/3 unseres Landes
zu verzichten." (Quelle: Internetseite
des "Aktionsbüro Rhein-Neckar").
Die großdeutschen Ansprüche
sind also noch da, auch wenn sie zurückhaltender
thematisiert werden.
Deutschland
gegen Rechts
In der Vergangenheit
sind AntifaschistInnen bei Aktionen
gegen Nazis immer wieder auf ein Problem
der inhaltlichen Mobilisierung gestoßen.
Bürgerliches Anti-Nazi-Engagement
hat häufig nur das Ziel, den
"Tag der deutschen Einheit"
vor angeblicher Vereinnahmung durch
Rechtsextreme zu verhindern. Dieses
stellt sich allerdings nicht generell
gegen Nationalismus, sondern nur gegen
den besonders ausgeprägten der
Nazis. In Alzey und Kelkheim/Königstein
wurde es dadurch nahezu unmöglich,
zusammen mit einem bürgerlichen
Bündnis gegen die Nazis vorzugehen;
wer möchte schon mit Leuten,
die sich positiv auf die deutsche
Nation beziehen, gegen Nazis demonstrieren?
Glücklicherweise gibt es auch
aus dem eher bürgerlichen Spektrum
ernstzunehmendes und bisweilen wirkungsvolles
Engagement gegen Nazis. Für die
Radikale Linke gilt es hier zu differenzieren:
Anti-Nazi-Engagement zur Verteidigung
des Standortes vor Imageschäden
oder gegen Extremismus im Allgemeinen
steht solchem entgegen,das die ernsthafte
Schwächung und Bekämpfung
der Nazis, eben weil sie Nazis sind,
im Sinn hat.
Nur mit letztgenannten kann Zusammenarbeit
sinnvoll sein, während die anderen
stets auf der anderen Seite der Barrikade
stehen.
...und dieses
Jahr?
Noch haben
die Nazis nichts von sich hören
lassen. Sollte das "Aktionsbüro
Rhein-Neckar" oder die NPD Aktionen
am 3. Oktober planen, werden wir natürlich
angemessen reagieren. Proteste gegen
mögliche Naziaufmärsche
werden wir unterstützen und dort
unsere grundsätzliche Kritik
anbringen. Für uns gehört
zum Protest gegen Nation, Rassismus
und Kapitalismus eben auch solcher,
der sich gegen die ekelhafteste Form,
den deutschen Nationalsozialismus,
richtet. Deshalb gilt am 3. Oktober
wie an jedem anderen Tag: Kein Fußbreit
den Nazis!
AK
Antifa Mannheim im August 2007
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