Hier der Aufruf
des AK Antifa Mannheim und hier der Aufruf
von AIHD und Lynx 9-49
Nicht
verdrängen. Nicht verleugnen. Nicht verwerten.
Mit Deutschland endgültig brechen
Am 8ten April will
das "AB Rhein Neckar" einen Aufmarsch in Mannheim
durchführen, zu dem Nazis aus der gesamten Bundesrepublik
mobilisiert werden sollen. Anlass ist der Prozess gegen den
international bekannten Holocaustleugner Ernst Zündel
in Mannheim. Für uns als AntifaschistInnen ist es selbstverständlich,
dem unseren entschlossenen und erbitterten Widerstand entgegenzustellen.
In einer Situation jedoch, in der der „Aufstand der
Anständigen“ immer wieder und selbstverständlich
zum Repertoire der bürgerlichen Mitte gehört, und
die offensive Abgrenzung von Nazis Teil des nationalen Selbstverständnisses
ist, darf unser Widerstand gegen Nazis und ihre Ideologie
nicht alleine stehen. Wir verweigern uns der Mitarbeit am
ideologischen Projekt der „Berliner Republik“
die sich gerne als „geläutert“ und „antifaschistisch“
präsentiert. Das Verdrängen der nationalsozialistischen
Vergangenheit, ihrer barbarischen Dimensionen und des Mitmachens
und Wegschauens praktisch aller Deutscher, hat seit dem Ende
des NS den Umgang der überwiegenden Mehrheit der Deutschen
Bevölkerung mit dieser Vergangenheit gekennzeichnet.
Die individuellen und kollektiven Reflexe zur Abwehr und Verdrängung
der Schuld sind seither in unterschiedliche politische Lesarten
der Geschichte übersetzt worden. Die plumpe Leugnung
des Holocaust durch NS-Spinner wie Zündel ist dabei im
Verhältnis zu anderen Formen der Relativierung der Geschichte
politisch verhältnismäßig unbedeutend. Dem
Zwangskollektiv Nation, und am Vorabend des 8.April besonders
jeglicher Verdrehung der Geschichte gilt unser Kampf, in welcher
Form auch immer sie daher kommen mögen. Die notwendigen
Schlüsse aus der Vergangenheit zu ziehen, eine menschliche
Gesellschaft, eben eine freie Assoziation freier Individuen
zu errichten, ist unsere utopische Minimalforderung.
Ernst Zündel
vertritt das Geschichtsbild des größten Teils der
Naziszene. Der Holocaust wird von ihnen rundweg geleugnet.
Zündel hat zahllose Bücher verlegt in denen mit
pseudowissenschaftlichen Methoden und gefälschten Beweisen
genau diese Leugnung betrieben wird. Deutschland wird von
ihnen plump zum Opfer des zweiten Weltkrieges umgelogen. In
altbekannten antisemitischen Verschwörungstheorien wird
die Schuld am 2.ten Weltkrieg den Allierten und/oder der „jüdischen
Weltverschwörung“ zugeschoben. Wie kaum etwas anderes
versperrt das Bewusstsein für die Verbrechen des historischen
Nationalsozialismus den Nazis den Weg zu dem von ihnen angestrebten
neuen Nationalsozialismus. Das Wissen um seinen barbarischen
Charakter diskreditiert das Vorhaben seiner Wiedererichting
von vorne herein. Die Reinwaschung des historischen NS von
diesem barbarischen Charakter ist deshalb für die Nazis
die Grundvoraussetzung für den von ihnen angestrebten
neuen NS.
Gesellschaftlich
wesentlich wirkmächtiger und deshalb für uns politisch
bedeutsamer ist aber der Umgang der bürgerlichen Mitte
mit der deutschen Geschichte. Dieser zeichnet sich in den
letzten Jahren dadurch aus, dass er die deutsche Schuld am
zweiten Weltkrieg und die Singularität des Holocaust
betont anerkennt. Helmut Kohl suchte an den SS-Gräbern
von Bitburg 1985 noch die direkte Versöhnung mit der
NS-Vergangenheit. Die Ehrung der dort begrabenen Mitglieder
der SS als „tapfere Soldaten“ sollte unmittelbar
das Wüten dieser verbrecherischen Organisation und somit
des historischen NS als ganzem relativieren. Die Übernahme
der Staatsgeschäfte der Bundesrepublik durch Rot/Grün
im Jahre 1998 stellte hier eine historische Zäsur dar.
Vor allem Gerhard Schröder und „Joschka“
Fischer brachten in ihre Ämter bedeutendes ideelles Kapital
mit ein. Ihr 68er Image erlaubte ihnen in Bezug auf die Deutsche
Geschichte ein wesentlich freieres agieren, als dies den Konservativen
Regierungen der 80er und 90er Jahre möglich gewesen war.
Schröder/Fischer werden immer mit dem studentischen Aufbegehren
der Jahre 1968 ff. identifiziert. Diese hatte sich auch gegen
die Verdrängung der NS-Vergangenheit in der bundesrepublikanischen
Nachkriegsgesellschaft gerichtet. In Sachen historischer NS
erschienen Schröder/Fischer also von Anfang an über
jeden Verdacht erhaben. Ganz anders der konservative Kohl:
sein Bitburg-Besuch löste im europäischen Ausland
noch einen Aufschrei aus.
Schröder/Fischer
haben im Super-Gedenkjahr 2005 in einem wahre Meisterschaft
entwickelt: Deutschland als geläuterte und antifaschistische
Republik zu inszenieren. Ihr Schuldbekenntnis geschieht ritualisiert
und formelhaft, in Reden wird es zumeist in wenigen Sätzen
an den Anfang gestellt. Es bleibt aber oberflächlich,
weil es das Wegschauen und Mitmachen fast aller Deutscher
verschweigt. Im Gegenteil: gleichzeitig mit dem formalen Anerkenntnis
von Schuld und Singularität wird ihre faktische Relativierung
vollzogen. Die Zivilbevölkerung sei schließlich
überall Opfer gewesen, alle hätten doch gelitten,
und so weiter und noch plumper. Ohne mit der Wimper zu zucken,
werden die Umgekommenen allierter Bombardements mit den maschinell
Ermordeten der KZ; werden die Opfer von Hiroshima `45 mit
denen von Bagdad `03 gleichgesetzt. Die offiziellen Gedenkfeiern
der Stadt Dresden zum 13 Februar 2005 wurden mit einem Plakat
beworben, auf dem unter anderem Bagdad, Dresden und Guernica
in einer Reihe stehen. Gegenständlich bewundert darf
ein solcher Schlag ins Gesicht der Opfer des NS auch am Denkmal
am Heidefriedhof in Dresden werden. Dort reihen sich Stelen
aneinander, auf denen jeweils der Name einer Stadt steht:
Bergen Belsen, Coventry, Oradur sur Glane, Auschwitz und Dresden
in einer Reihe. Für qualitative historische Unterschiede
ist in dieser universalisierenden und relativierenden Darstellung
kein Platz mehr. Deutsche Schuld und Singularität des
Holocaust werden so, obwohl formal benannt, faktisch relativiert.
Als „Joschka“
Fischer den Kosovo-Krieg 1999 mit einer historischen Verpflichtung
aus dem NS begründete störte sich daran kaum jemand
in Deutschland. Die deutsche Vergangenheit wurde kurzerhand
auf den Balkan projiziert und somit relativiert, um dann argumentieren
zu können, die Bundesrepublik sei aufgrund dieser barbarischen
Vergangenheit gezwungen selbiges andernorts zu verhindern.
Schloss die NS-Vergangenheit jahrzehntelang eine Beteiligung
der Bundesrepublik an Angriffskriegen kategorisch aus, so
begründete Fischer mit ihr erstmals einen Angriffskrieg.
Während die Geschichte des NS beim Ausbau der weltpolitischen
Macht für Kohl noch ein Hindernis war, dass er zu relativieren
versuchte, kann dieser Teil der Geschichte seit Rot-Grün
benutzt werden, um das neue deutsche Großmachtstreben
zu legitimieren. Der historische NS wurde so zum Ideologischen
Kapital der neuen Deutschen Großmacht. Auf seiner Grundlage
wird eine moralische Legitimation konstruiert, wird die Legende
erschaffen, in Sachen Menschenrechten besonders reif und erfahren
zu sein. Die Bewältigungsweltmeisterin Bundesrepublik
nimmt für sich eine Verpflichtung in Anspruch, Menschenrechte
weltweit durchsetzten zu müssen und dabei militärische
Mittel anwenden zu dürfen. Eine verlogene scheinmoralische
Begründung um wirtschaftliche Interessen weltweit auch
militärisch durchsetzten zu können. Wesentlich besser
als die konservative Option ermöglicht dieser Weg nicht
nur eine Versöhnung mit der Vergangenheit. Nein er verwertet
sie für das Projekt einer europäischen Führungsmacht
Deutschland.
Für uns gilt:
"Es gibt in der Tat nur zwei Möglichkeiten: Eine
endgültige Versöhnung mit dieser Vergangenheit oder
aber der konstante, d.h. in fortwährender Auseinandersetzung
zu vollziehende Bruch mit ihr." Während die Nazis
gerne an den historischen NS anknüpfen möchten,
hat die bürgerliche Mitte lange um eine Versöhnung
mit dem Nationalsozialismus gerungen. Ihr Projekt einer europäischen
Führungsmacht Deutschland hat mit den geschichtspolitischen
Neuerungen von Rot/Grün ideologisch einen starken Auftrieb
bekommen. Wie sich die Geschichtspolitik der großen
Koalition entwickelt ist noch nicht abzusehen. Wir jedenfalls
verweigern uns jeder Versöhnung mit deutscher Vergangenheit,
Gegenwart oder Zukunft. Der konsequente und konstante Bruch
mit der Geschichte des Nationalsozialismus muss notwendig
ein Bruch mit seinen gesellschaftlichen und ideologischen
Grundlagen sein. Wir treten ein für ein Ende der Herrschaft
von Ware und Wert und die Abschaffung des Zwangskollektivs
Nation. Den Kapitalismus in Stücke schlagen und eine
freie Assoziation freier Individuen aufbauen!
Nicht verdrängen.Nicht
verleugnen.Nicht verwerten
_Mit Deutschland endgültig brechen_
Demo, 7.April 2006, 19Uhr HBF
Den Aufmarsch zum
Desaster machen – Nazis wegrocken!
Antifascist Action Day, 8.April 2006:
Ak Antifa Mannheim
im März 2006
Nicht verleugnen! Nicht verdrängen! Nicht vergessen!
Geschichtsrevisionismus angreifen!
Für Samstag,
den 8. April 2006 plant das neofaschistische "Aktionsbüro
Rhein-Neckar" eine Demonstration in Mannheim unter dem
Motto „Schafft Meinungsfreiheit - Freiheit für
Zündel, Rudolf, Verbeke und Irving!“. Angemeldet
wurde die Versammlung vom Hamburger Neonazi und Daueranmelder
Christian Worch. Die Nazis rechnen dabei mit über 1000
TeilnehmerInnen aus der gesamten Bundesrepublik.
Zum Anlass für die Demonstration nehmen die Nazis das
Verfahren am Mannheimer Landgericht gegen den international
führenden Revisionisten und Holocaust-Leugner Ernst Zündel,
der im März vergangenen Jahres von Kanada an die BRD
ausgeliefert wurde.
Gegenwärtig sitzen auch andere bekannte Holocaust-Leugner
wie Germar Rudolf oder David Irving in Haft. Irving wurde
gerade in Österreich wegen Leugnens von Naziverbrechen
zu drei Jahren Haft verurteilt. Germar Rudolf sowie der belgische
Revisionist Siegfried Verbeke warten in deutschen Knästen
gegenwärtig auf ihre Prozesse wegen „Volksverhetzung“
und Leugnung des Holocaust.
Diese lange überfällige Aburteilung von Geschichtsverdrehern
haben die regionalen Nazistrukturen im Rhein-Neckar-Raum nun
zum Anlass genommen, zu einer bundesweiten Demonstration nach
Mannheim zu mobilisieren. Unter den angekündigten Rednern
des Aufmarschs befinden sich bundesweit bekannte Nazis wie
Jürgen Rieger sowie Thomas „Steiner“ Wulff,
Thorsten Heise und Ralf Tegethoff (alle drei NPD). Die Nazi-Szene
hatte ihre großen Mobilisierungserfolge in den letzten
Jahren hauptsächlich mit geschichtspolitischen Themen.
Es ist daher davon auszugehen, dass der Demonstration in Mannheim
für die extreme Rechte in diesem Jahr eine ähnliche
Bedeutung hat wie die Aufmärsche gegen die Ausstellung
„Vernichtungskrieg - Verbrechen der Wehrmacht“
oder die Demonstrationen in Dresden anlässlich des Jahrestages
der Bombardierung durch die Alliierten.
Die Vernichtung
der europäischen Jüdinnen und Juden wird von den
Nazis nicht etwa deshalb bestritten, weil sie Scham oder Reue
empfinden. Im Gegenteil, wer sich in den einschlägigen
Kreisen umsieht, wird schnell herausfinden, dass dieselben
Nazis, die den Holocaust gerade noch geleugnet haben, im nächsten
Moment mit kaum verhohlener Häme stolz auf ihre „organisatorische
Meisterleistung“ sind und betonen, die Juden hätten
selbst verschuldet, was ihnen wiederfahren ist.
Darin ähneln die deutschen Neonazis zum Verwechseln dem
iranische Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad, der im selben
Atemzug in der Lage ist, die Shoah zu leugnen und als „Ausgleich“
für den Holocaust die Verlegung Israels nach Deutschland
und Österreich zu fordern. Solche logischen Kapriolen
empfinden die GeschichtsverdreherInnen nicht als Widerspruch:
Sie glauben - je nach Gelegenheit - was sie glauben wollen.
Die Motive der Holocaust-Leugner sind so durchsichtig wie
banal:
Die von den Nationalsozialisten betriebene industrielle Vernichtung
von Millionen von Menschen hat das Projekt der völkischen
Rechten gründlich diskreditiert. Der ehemalige Neonazi-Führer
Ewald Althans bekannte offen: „Auschwitz muss fallen,
dann erst können die Leute akzeptieren, was wir wollen“.
Sie treffen dabei auf fruchtbaren Boden nicht nur bei offenen
Neofaschisten, sondern bei einem nicht unerheblichen Teil
der deutschen Bevölkerung, der die deutsche Schuld an
der Massenvernichtung als Last empfindet und der Auschwitz
als unzumutbare Hypothek für eine wiedererstarkte deutsche
Großmacht wahrnimmt, die der neuen Rolle Deutschlands
hinderlich ist - politisch, kulturell, diplomatisch und militärisch.
In ihrer Gemüts- und Gesinnungslage ähneln die Holocaustleugner
den unzähligen Hohmanns und Walsers in diesem Land, welche
die Erinnerung an die deutsche Vergangenheit als nicht mehr
länger hinnehmbare Zumutung für die deutsche „Seele“
empfinden und denen die deutsche Regierung gemeinsam mit der
Industrie bestätigend in den nationalen Schädel
trichtert: „Du bist Deutschland!“.
Für alle, denen an menschlicher Emanzipation gelegen
ist, muss als vorderster kategorischer Imperativ gelten, alles
zu tun, dass Auschwitz nicht noch einmal sei.
Deutschland denken bedeutet für uns immer noch Auschwitz
denken. Befreiung, sozialer Fortschritt und Emanzipation sind
nur gegen das Konzept der „deutschen Nation“ möglich.
AIHD und Lynx
9 - 49, im März 2006
Exkurs:
"Aktionsbüro Rhein-Neckar"
Beim „Aktionsbüro Rhein-Neckar“ handelt es
sich um eine regionale Vernetzungsstruktur rechtsextremer
„freier Kameradschaften“ aus der Rhein-Neckar
Region (Rheinland-Pfalz, Südhessen, Nordbaden). Das Aktionsbüro
(AB) gründete sich am 16. August 2003 nach dem Vorbild
zahlreicher Aktionsbüros, die von Mitte bis Ende der
1990er Jahre eingerichtet wurden. Gegenwärtig sind die
fünf Neonazi-Kameradschaften Bergstraße, Kurpfalz,
Vorderpfalz, Hockenheim/Schwetzingen und Worms im AB organisiert,
wobei es zahlreiche gute Kontakte zu anderen Nazi-Gruppierungen
wie z.B. dem „Nibelungensturm Odenwald“ oder den
„Freien Nationalisten Karlsruhe“ gibt.
Zudem kandidieren die Neonazis Christian Hehl, René
Teufer und Mario Matthes - alle drei führende Personen
des AB Rhein-Neckar - auf der Liste der NPD bei der Landtagswahl
in Rheinland-Pfalz im März 2006.
In den vergangenen Jahren nahmen AktivistInnen des AB an fast
allen relevanten Nazi-Aufmärschen im gesamten Bundesgebiet
teil.
Nachdem das AB bereits am 2. März 2005, dem Tag von Zündels
Inhaftierung, in Mannheim mit ca. 40 Neonazis eine „Spontandemo“
durchgeführt hatte, stellt es jetzt für den Aufmarsch
am 8. April die zentrale Mobilisierungs- und Organisationsstruktur
dar.
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